Am 22. Juni werden wieder in ganz Berlin Daten erhoben : Helfer für Zählung von Obdachlosen gesucht

Am 22. Juni findet die zweite Zählung von Obdachlosen in Berlin statt. Aber noch fehlen rund 1000 ehrenamtliche Helfer.

Am 22. Juni werden wieder in ganz Berlin Daten erhoben : Helfer für Zählung von Obdachlosen gesucht

2020 wurden bei der ersten Zählung 1.976 obdachlose Menschen in Berlin erfasst.picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Direkt hinter einer Parkbank ragt der Fernsehturm in die Höhe, am Himmel funkeln Sterne, der Mond scheint im Halbkreis, gleichzeitig strahlt aber auch die Sonne. Der wichtigste Gegenstand in diesem Bild aber ist die Bank, sie symbolisiert die Zielgruppe dieser Optik: Obdach- und Wohnungslose. Bank, Turm, Sonne, Sterne, Mond, das alles ist auf Plakaten abgebildet, dazu der Schriftzug: „Zeit der Solidarität“.
Es ist der Slogan eines wichtigen Projekts: Am Mittwoch, 22. Juni, werden wieder in der Stadt Wohnungs- und Obdachlose gezählt; es ist die zweite Registrierung nach der Aktion am 29. Januar 2020. Damals fand die Winterzählung statt, jetzt werden die Sommerzahlen erhoben.

“Es fehlt an einer breiten Datenbasis”

„Es fehlt bisher an einer breiten Datenbasis“, sagte Susanne Gerull, Wissenschaftlerin an der Alice-Salomon-Hochschule, bei der Vorstellung des Projekts am Freitag. Die frühere Sozialarbeiterin forscht seit Langem zur Obdachlosigkeit. „Wenn wir die Daten vom Winter und Sommer haben, können wir die Unterschiede besser feststellen.“
„Uns geht es auch um Begegnung , Dialog und gelebte Solidarität“, sagte Barbara Rehbehn, die Geschäftsführerin des Verbands für sozial-kulturelle Arbeit Berlin (VskA), der diese Zählung organisiert.
Aufgrund der so erhobenen Ergebnisse sollen die verschiedenen Hilfsangebote zielgeruppengerecht, nach Alter, Geschlecht, Herkunft, Familiensituation, am jeweils richtigen Ort, sprich in den Sozialräumen, geplant werden. Außerdem sollen die Daten eine Handlungsempfehlung für die Politik ermöglichen. Die Angebote der Wohnungsnotfallhilfen sollen sich an der Lebenswelt der Betroffenen orientieren.

Viele Betroffene werden sich nicht registrieren lassen

Aber schon jetzt steht fest, dass sich viele Betroffene definitiv nicht registrieren lassen wollen, das ist die Erfahrung der ersten Zählung. Sie tauchen an dem Tag einfach ab. Die Organisatoren haben diese Scheu eingepreist. „Die Zählung ergibt nur die absolute Mindestzahl an Betroffenen“, sagt Svenja Ketelsen, Leiterin der Hilfsorganisation „Frostschutzengel 2.0“.

Aber die Daten ergäben trotzdem ein besseres Bild, als es bisher vorhanden sei. „Bisher galt ja eher das Bauchgefühl.“ Die Zahl der Obdach- und Wohnungslosen kann nur geschätzt werden, aber bisher variierten die Zahlen beträchtlich.

Wichtig ist der Hilfsbedarf aufgrund er Hitze festzustellen

Außerdem sei es wichtig, sagte Ketelsen, den Hilfsbedarf in der heißen Jahreszeit konkret festzustellen. Denn bei Hitze drohen Obdach- und Wohnungslosen Verbrennungen und Dehydrierung. „Das Wetter hat großen Einfluss auf die Situation dieser Menschen“, sagte sie.
In der warmen Jahreszeit sinkt die Zahl der Notübernachtungsplätze auf 400. In der Kälteperiode waren es noch rund 1000. „Das bedeutet einen enormen Konkurrenzkampf um die freien Plätze“, sagte Ketelsen.
Ein bemerkenswertes Ergebnis der Winterzählung, sagte die Frostschutzengel-Leiterin, war der Umstand, „dass man in vielen Gebieten, die man gar nicht auf dem Schirm hatte, Betroffene festgestellt hat“. In Bereichen in Wilmersdorf oder Reinickendorf zum Beispiel.

Es fehlen noch rund 1000 Ehrenamtler

Am 29. Januar 2020 waren 2601 Ehrenamtler im Einsatz. Doch für die Zählung 2022 haben sich bis zum Donnerstag nur 755 Freiwillig gemeldet, viel zu wenig für das Projekt. „Wir wünschen uns 2600 Menschen“, sagte VskA-Geschäftsführerin Rehbehn. In der Praxis genügen zwar 2000, aber Rehbehn rechnet damit, dass ein Drittel der Ehrenamtler am Stichtag nicht auftauchen wird. So groß war jedenfalls der Schwund bei der ersten Zählung. Die Mindestzahl aber, die nötig ist, „sind 1700 Ehrenamtler“.

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Im „Worst Case“, sollte es also zu wenig Helfer geben, werde die Zählung in den Winter verschoben. „Aber dann haben wir keine Daten vom Sommer.“
In den 619 Zählräumen soll jeweils ein Team, bestehend aus drei Ehrenamtlern, unterwegs sein.

Jedes Team besteht aus drei Helfern

Zu jedem Team gehört ein Teamleiter, der gesondert geschult wird. Diese Basis-Ausbildung gestalten unter anderem zehn Menschen, die entweder obdachlos waren oder noch immer sind.

Die Erhebung beginnt um 22 Uhr und endet gegen 1 Uhr. Jedes Team erhält einen Verhaltenskodex, in dem unter anderem auf den respektvollen Umgang mit den Betroffenen hingewiesen wird. Zur „Zeit der Solidarität“ gehören auch 17 Veranstaltungen, in denen über Obdachlosigkeit informiert werden soll (Details: www.zeitdersolidaritaet.de).

Eine Expertin hat keine Angst vor zu vielen Absagen

Stella Kunkat, Projektreferentin bei der VskA, hat im Übrigen keine Bedenken, dass die Organisatoren am Ende mit zu wenigen Helfern dastehen und alles verschieben müssen. „Bei der Winterzählung“, sagte sie, „kamen auch noch genügend Ehrenamtler spät, aber rechtzeitig zusammen.“

Meldung für Freiwillige unter: www.zeitdersolidaritaet/mitmachen/

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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