Angeblicher Antisemitismus-Vorfall : Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Gil Ofarim wegen Verleumdung

Die Staatsanwaltschaft Leipzig hat den Musiker und Schauspieler wegen des Vorwurfs der falschen Verdächtigung angeklagt. Ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Angeblicher Antisemitismus-Vorfall : Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Gil Ofarim wegen Verleumdung

Der Musiker und Schauspieler Gil Ofarim.Foto: Gerald Matzka/dpa

Ein halbes Jahr nach den Antisemitismus-Vorwürfen Musikers und Schauspielers Gil Ofarim hat die Staatsanwaltschaft Leipzig Anklage erhoben – gegen den Künstler selbst. Nach umfangreichen Ermittlungen wirft sie Ofarim falsche Verdächtigung und Verleumdung vor, wie sie am Donnerstag mitteilte. Demnach habe sich der angebliche Antisemitismus-Vorfall in dem Leipziger Hotel „The Westin“ nicht so zugetragen, wie Ofarim es in einem Video geschildert hatte. Das Ermittlungsverfahren gegen einen Hotelmitarbeiter wurde eingestellt.

Ofarims Management teilte auf Anfrage mit, dass derzeit keine Auskünfte gegeben werden könnten und bat dafür um Verständnis. Die Betreiber des Hotels reagierten erleichtert auf das Ergebnis der Ermittlungen. Der Zentralrat der Juden warnte vor einer Vorverurteilung.

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Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) kritisierte Ofarim scharf. Dieser habe „nicht nur den Mitarbeiter, das Hotel, die Stadt und Sachsen in Misskredit gebracht, sondern auch Schaden an der jüdischen Gemeinschaft angerichtet“, sagte Kretschmer am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur in Dresden. „Das Mindeste, was man nun erwarten kann, ist eine Entschuldigung – auch von denen, die vorschnell ihre Schlüsse gezogen und vorverurteilt haben.“

Es sei „das Schlimmste, jemanden als Antisemit zu bezeichnen“, sagte Kretschmer. „Dies für Falschaussagen und Verleumdung zu missbrauchen ist schockierend und zutiefst verachtenswert.“ Er verwies darauf, dass das in den vergangenen Jahrzehnten gewachsene Vertrauen zwischen Deutschen und Juden nicht selbstverständlich sei, sondern „ein hohes und wertvolles Gut, ein Wert, den wir uns nicht zerstören lassen“.

Es wurden zahlreiche Zeugen befragt

Der Musiker hatte das Video am Abend des 4. Oktober 2021 vor dem Hotel aufgenommen und darin gesagt, dass ihn ein Mitarbeiter des Hotels aufgefordert habe, seine Kette mit Davidstern abzunehmen. Am nächsten Morgen veröffentlichte er es auf Instagram. Das Video ging viral und löste zahlreiche Solidaritätsbekundungen aus. Ofarim erstattete später Anzeige, aber auch der betroffene Hotelmitarbeiter wehrte sich und zeigte seinerseits den Musiker wegen Verleumdung an. Ofarims Insta-Account war am Donnerstag nicht mehr zu finden.

Die Staatsanwaltschaft hat in den vergangenen Monaten einen großen Aufwand betrieben, um aufzuklären, was in der Hotellobby vorgefallen ist. Es wurden zahlreiche Zeugen befragt, ein Digitalforensiker wertete Aufnahmen von Überwachungskameras aus dem Hotelbereich aus. „Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft hat sich in der Gesamtschau der hieraus gewonnenen Erkenntnisse das Geschehen, wie es von Gil Ofarim in seinem veröffentlichten Video geschildert worden ist, tatsächlich so nicht ereignet“, teilte die Anklagebehörde mit.

Hinreichender Tatverdacht gegen Gil Ofarim

Stattdessen gebe es einen hinreichenden Tatverdacht dafür, dass Ofarim das Video „mit dem Wissen um die Unwahrheit seiner Aussagen“ aufgenommen und gepostet habe. „Dies begründet den Tatvorwurf der Verleumdung und der falschen Verdächtigung“, so die Ermittlungsbehörde. Später habe er seine Behauptungen bei der Polizei wiederholt. Wegen der besonderen Bedeutung des Falles habe die Staatsanwaltschaft die Anklage nicht zum Amtsgericht, sondern zum Landgericht Leipzig erhoben. Dieses muss nun entscheiden, ob es die Anklage gegen den Musiker zulässt. Ofarim ist der Sohn des israelischen Musikers Abi Ofarim (1937-2018) und in Deutschland aufgewachsen.

Der Zentralrat der Juden erklärte am Donnerstag, man habe die Anklageerhebung zur Kenntnis genommen. „Im Vertrauen auf unseren Rechtsstaat gilt es, keine Vorverurteilungen vorzunehmen“, erklärte Präsident Josef Schuster. Der Zentralrat werde das weitere Verfahren am Landgericht Leipzig mit Interesse verfolgen.

Nach Angaben des Hotels „The Westin“ wurde der in dem Video beschuldigte Mitarbeiter persönlich und in den sozialen Medien massiv bedroht. Das gesamte Hotel-Team sei nun „nach langen Wochen und Monaten über die Entscheidung der Staatsanwaltschaft äußerst erleichtert“. Manager Andreas Hachmeister erklärte: „Ich bin sehr froh und optimistisch, nun wieder in die Zukunft blicken zu können.“ (dpa)

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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