Ausstellung in der Green Hill Gallery : Ukrainische Selbstbehauptung mit Kunst

„Licht erobert die Dunkelheit“: Sechs ukrainische Künstlerinnen verbinden Tradition und Moderne und zeigen, was ukrainische Kultur ausmacht.

Ausstellung in der Green Hill Gallery : Ukrainische Selbstbehauptung mit Kunst

Essen und Gemeinschaft als alternative Form von Kunst: Valentina Odarenko hat ukrainische Speisen zubereitet.Foto: Oksana Meleshchenko

Mit einem großartigen Gemeinschaftsabend mit Diskussionen, Getränken, Live-Musik und gemalten Umarmungen hat in der Friedrichshainer Green Hill Gallery eine Ausstellung begonnen, die Kunst von sechs ukrainischen Künstlerinnen vorstellt. Zu sehen gibt es den ganzen Sommer über (bis 26. August) weiße „Pysanky“, eine abgewandelte Form der berühmten, eigentlich farbigen ukrainischen Ostereier, traditionelle Stickereien auf Messern, Bilder zur Frauenbewegung und andere Erfahrungen von ukrainischen Künstlerinnen aus Kiew, Charkiw, Lubny und anderen Städten.

Ausstellung in der Green Hill Gallery : Ukrainische Selbstbehauptung mit Kunst

Ausstellungsmacherin und Künstlerin Olga Lobazova und Christopher Elmerick von der Green Hill Gallery.Foto: Oksana Meleshchenko

Die Ausstellung wurde von der Künstlerin Olga Lobazova kuratiert. Lobazova ist mit ihrer Mutter nach Berlin geflüchtet. In Charkiw betreibt sie die private Kunst-Organisation Kultprostir, die Ausstellungen organisiert und sich mit Mythen, traditionellem Handwerk und dem kulturellen Wissen der Ukraine beschäftigt. Die Berliner Ausstellung findet in den Räumen der Berliner Non-Profit-Organisation Kulturschöpfer statt.

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„Winterweizen“-Variation der traditionellen Pysanky, Ostereier, von Olga LobazovaFoto: Oksana Meleshchenko

„Es gibt etwas zu verlieren“

„Das ist nicht nur eine weitere ukrainische Ausstellung. Wir wollen dem aktuellen Krieg ein menschliches Gesicht geben und die Geschichte des ukrainischen Volkes erzählen, betonen, dass es etwas zu verlieren gibt – nämlich die reiche Kultur und Tradition der Ukraine. Das ist der Grund, warum das Volk sich aufopferungsvoll und ohne Selbstmitleid wehrt“, sagt Organisatorin Olga Lobazova, die auch selbst ausstellt.

Olga Lobazova liebt alle Arten von traditioneller Kunst wie „Pysanky“, die bemalten Ostereier der Ukraine und „Vytynanky“, Scherenschnitte. Diese Kunstformen erforscht Lobazova seit etlichen Jahren, indem sie Expeditionen in Dörfer rund um die nahe der russischen Grenze gelegene Metropole Charkiw organisiert, dort etwa Interviews mit Bewohnern durchführt. Ihre in der Ausstellung gezeigten, weißen „Pysanky“ nennt sie „Winterweizen“, benannt nach einer besonders widerstandfähigen Getreideart, die einen Großteil des in der Ukraine angebauten Getreides ausmacht.

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Die Bedingungen in der nur 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernten Region sind gefährlich. Russische Propaganda versucht seit Jahren die ukrainische Kultur zu untergraben und zu schwächen. Der Widerstand dagegen hat schon vor langer Zeit begonnen und ist ein Prozess, der andauert. Und Olga Lobazovas weiße „Winterweizen“-Ostereier sagen: Wenn wir den Winter erleben, wissen wir, dass der morgige Tag uns eine Ernte bringen wird.

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Messerreliefs mit traditionellen Stickereien von Alena Shybunova.Foto: Oksana Meleshchenko

Die Künstlerin Alena Shybunova verleiht ihren inneren Gedanken mit alten Stickereien und Gips auf Hartfaserplatten Ausdruck. „In der ersten Zeit des Krieges zog ich vorübergehend von Kiew nach Lemberg, an einen sichereren Ort. Auf dem örtlichen Flohmarkt kaufte ich einen Kissenbezug mit traditioneller ukrainischer Stickerei. Ich schnitt ihn zu, verputzte ihn mit Gips und verwandelte ihn in eine Waffe. Das ist meine eigene Geste des Widerstands“, so die Künstlerin.

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Künstlerin Alena Shybunova vor ihren Arbeiten.Foto: Oksana Meleshchenko

Ein Hoch auf den Mut der Ukrainerinnen

Die Malerin Anna Voda malt ihre Bilder in Öl und mit Acrylfarben. Ihr Arbeiten wurden bereits in verschiedenen Gruppenausstellungen, unter anderem in Tiflis gezeigt, außerdem hat Voda zahlreiche Kooperationen mit Designern und Bekleidungsmarken. Ihre gemalten „Umarmungen“ sind eine Reaktion der Künstlerin auf die ukrainische Einheit und den Mut, den die Ukrainer:innen in diesen schweren Zeiten an den Tag legen. Und die Farben all dieser Gefühle sind nicht nur Gelb und Blau …

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Anna Vodas „Umarmungen“ in Öl.Foto: Oksana Meleshchenko

Der Schweizer Analytiker Carl Gustav Jung schrieb: „Die Neurose ist ein unvermeidlicher Preis der Zivilisation. Sozialisierung ist notwendig, aber jede neue Anpassung entfernt den Menschen vom Garten Eden.“ Die Fotografin Jane Laptii bringt den Mythos in das alltägliche Leben. In der Serie „Hero With Thousand Faces“ (Held mit tausend Gesichtern) arbeitet sie mit uralten Mythen, die aus der Zeit vor der christlichen Zivilisation stammen.

Denn mit dem Aufkommen des Christentums beginnt ihrer Ansicht nach der allmähliche Tod des Mythos als Alltagspraxis. Jane wendet sich in ihrer Fotografie gegen die Ritualisierung der modernen Gesellschaft.

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Vernissagegäste bei der Ausstellung „ Light Conquers Darkness“.Foto: Oksana Meleshchenko

Die Green Hill Gallery in Friedrichshain wurde vor neun Jahren gegründet. „Wir hatten hier bereits eine Menge einzigartige Kunstprojekte, aber die moderne ukrainische Kunst hat uns besonders beeindruckt. Trotz vieler globaler Herausforderungen wie Covid und Krieg zeigen die Künstlerinnen aus diesem Land, ihren starken Willen zu überleben und gegen die Verzweiflung zu kämpfen“, sagt Mitgründer der Galerie und der Initiative Kulturschöpfer Christopher Elmerick. „Bei uns erlebt man derzeit die Geschichte der ukrainischen Kultur, lebendig und mit Freude präsentiert.“

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Fotografin Jane Laptii vor ihrer Serie „Hero with thousand faces“.Foto: Oksana Meleshchenko

Während der Ausstellung können Kunstwerke und Drucke erworben werden. 50 Prozent des Verkaufserlöses werden für den Hilfsfond „Hospitallers“ gespendet, eine 2014 gegründete Freiwilligenorganisation von Sanitätern. Das Ausstellungsprogramm beinhaltet auch Workshops und Wohltätigkeitsdinner.

[Green Hill Gallery, Kulturschöpfer, Grünberger Straße 13, Friedrichshain]

Kochen und gemeinsam Essen ist eine weitere Form der Kunst, die in der Ausstellung zelebriert wird. In der Eröffnungswoche hat die Charkiwer Köchin Valentina Odarenko ukrainische Speisen für Gäste der Galerie zubereitet. Das weitere Programm finden Sie hier: choko.link/kultprostir.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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