Behörde warnt vor erhöhtem Unfallrisiko : Russische Truppen missbrauchen AKW als Artillerie-Stützpunkt

Seit März besetzt die russische Armee das ukrainische AKW Saporischschja. Mittlerweile missbrauchen die Truppen das Gelände für militärische Zwecke.

Behörde warnt vor erhöhtem Unfallrisiko : Russische Truppen missbrauchen AKW als Artillerie-Stützpunkt

Ein russischer Soldat vor dem ukrainischen Kernkraftwerk in Saporischschja.Imago/ Konstantin Mihalchevskiy

Drei Tage lang wusste bei der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) vergangene Woche niemand, was im ukrainischen Kernkraftwerk Saporischschja vor sich geht. Überhitzt einer der sechs Reaktorblöcke? Gibt es andere technische Probleme? In der IAEA-Zentrale in Wien hätten sie aufgrund der unterbrochenen Datenübertragung wohl viel zu spät davon etwas mitbekommen.

Es kam glücklicherweise anders. Seit Samstagabend senden die Server aus Saporischschja wieder. Das AKW läuft aktuell „störungsfrei“. Und doch ist der Datenblackout ein weiteres Beispiel für die äußerst angespannte Situation rund um das Kraftwerk, das seit Anfang März von russischen Truppen besetz ist.

Tagesspiegel-App: [Wenn Sie aktuelle Nachrichten aus Berlin, Deutschland und der Welt live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Russische Armee verwandelt AKW-Gelände in eine Festung

Wie das „Wallstreet Journal“ berichtet, missbraucht die russische Armee das Kraftwerk als Truppenstandort – im Wissen dort vor ukrainischen Gegenangriffen geschützt zu sein. Das AKW liegt am südlichen Ufer des Flusses Dnepr und damit direkt am aktuellen Frontverlauf. Auch russische Artillerie-Geschütze befinden sich mittlerweile auf dem AKW-Gelände und werden von dort abgefeuert. Neben mehreren Panzern steht dort sogar ein Mehrfachraketenwerfer des Typs BM-30.

Behörde warnt vor erhöhtem Unfallrisiko : Russische Truppen missbrauchen AKW als Artillerie-Stützpunkt

Auf diesem Satellitenfoto von Planet Labs PBC ist das Kernkraftwerk Saporischschja in Enerhodar, Ukraine, am 2. September 2019 zu…Planet Labs Pbc/Planet Labs PBC via AP/dpa

Laut den Reportern des „WSJ“ hat sich das AKW-Gelände längst in eine Festung verwandelt, umgeben von Schützengräben und patrouillierenden Soldaten mit ihren Militärhunden. “Sie halten es wie einen Stützpunkt für ihre Artillerie” zitiert die Zeitung einen Beamten aus Saporischschja. Die Stadt selbst wird weiter von der Ukraine gehalten.

Geiselnahmen gefährden den Betrieb

Neben der militärischen Zweckentfremdung bedroht auch die Gewalt der russischen Soldaten gegenüber den AKW-Mitarbeitern den reibungslosen Betrieb der Anlage. Mehr als 40 von ihnen sollen derzeit als Geiseln gehalten werden, um von ihren Familien Lösegeld zu erpressen. Gleichzeitig sollen Kollegen dadurch gezwungen sein, Überstunden zu arbeiten, um das Kernkraftwerk am Laufen zu halten. Das „WSJ“ berichtet zudem von Gewaltanwendung gegenüber einigen Mitarbeitern.

IAEA-Chef bezeichnet Lage vor Ort als „unhaltbar“

Auch die IAEA blickt mit zunehmender Sorge auf die Situation in dem besetzten AKW. Am vergangenen Donnerstag hatte sie mitgeteilt, sie bereite „aktiv“ einen Besuch von Experten vor – trotz des Widerstands der ukrainischen Behörden.

IAEA-Chef Rafael Grossi bezeichnete die Lage vor Ort zuletzt als „unhaltbar“. So würden wichtige Wartungsarbeiten an dem AKW ständig verschoben und wesentliche Geräte nicht geliefert, was zu einem erhöhten Unfallrisiko führe. Die ukrainische Regierung hatte am Mittwoch einen Besuch von IAEA-Vertretern des AKW Saporischschja abgelehnt, solange dieses von russischen Truppen besetzt sei.

Möglich sei ein solcher Besuch erst, wenn die Ukraine wieder die Kontrolle über die Anlage habe, erklärte Energoatom. Die ukrainische Atombehörde argumentierte, ein Besuch von IAEA-Experten könne die „Präsenz“ der Besatzer legitimieren. (bhi/afp)

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.