Besuch in Lwiw : Der Luftalarm gehört zum Alltag

Eine Reise von Berlin nach Lwiw: Die ukrainische Dramatikerin Anastasiia Kosodii war zu Besuch in ihrer Heimat, in der der Krieg wütet. Ein Gastbeitrag.

Besuch in Lwiw : Der Luftalarm gehört zum Alltag

Einwohner von Lwiw enthüllen vor dem Rathaus am Rynok Platz die ukrainische Flagge. Anlass war im März 2021 der Jahrestag der…Foto: imago images/ZUMA Wire

Im Zug von Berlin nach Przemysl kommt mir für eine Sekunde ein schlechter Witz in den Sinn: „Er sieht aus wie ein Evakuierungszug.“ Überall sind Menschen – keine Sitzplätze, kein Fleckchen Boden ist frei, weder in den Waggons noch dazwischen. Das liegt an der Route des Zuges: Er hält alle halbe Stunde und fährt quer durch Polen. In den letzten Stunden sind jedoch nur noch ein Drittel der Fahrgäste übrig, die meisten von ihnen Ukrainer – Heimkehrende, Besucherinnen, die ihre Heimat zu sehr vermissen, um dem Land im Krieg fernzubleiben.

Ich lerne eine zweiköpfige Familie aus Dniprorudne kennen (eine kleine Stadt in der Nähe des Atomkraftwerks von Saporischschja, das derzeit von den Russen besetzt ist), Mutter und Tochter. Sie sind auf dem Rückweg von Zielona Góra, der ältere Sohn arbeitet dort. „Weißt du, wir haben keine Souvenirs oder Schokolade gekauft“, erzählt die Mutter. „Aber eine Menge Tomatenmark. Das kann man in Kiew nicht finden.“ Ich nicke. Das meiste Tomatenmark stammte aus Cherson, jetzt ist die Stadt von Russen besetzt.

Die Tochter erzählt, dass sie ihre schönen Wintersachen in Dniprorunde gelassen habe. Die Familie war Ende Mai auf der Flucht aus den besetzten Gebieten. Sie mussten drei Tage draußen warten – in ihrem Auto, auf der Straße, bei über 30 Grad in der Sonne. Diese Art von Evakuierungen läuft oft so: Man wartet so lange, wie es den russischen Soldaten gefällt.

„Wir werden keine neue Winterkleidung kaufen“, sagt die Mutter. „Ich glaube nicht, dass wir so lange in Kiew bleiben müssen.“ Wenn Sie in der heutigen Ukraine ankommen, ist das erste, was Sie tun müssen, die App Air Alarm auf ihrem Telefon zu installieren. Die Bedienung ist denkbar einfach: Wählen Sie einfach eine der 24 Regionen aus, stellen Sie den Geräuschpegel des Alarms ein und hoffen Sie, dass er Sie nicht in der Dusche erwischt. Allerdings ist die Dusche nicht der einzige ungünstige Ort, an dem täglich die Möglichkeit besteht, von einer russischen Rakete getötet zu werden.

Leben im Schutzbunker

Um vier Uhr morgens öffne ich meine Augen im stockdunklen Zimmer eines Gebäudes in Lwiw aus dem 18. Jahrhundert. Auf meinem Telefon wurde der Luftalarm aktiviert. Ich habe keine Angst, sage ich mir. Gestern war ich klug und vorsichtig: Kleidung, Dokumente und Geld liegen direkt neben meinem Bett. Ich brauche nur eine Minute, um mich umzuziehen, und schon bin ich startklar.

Dann schalten sich plötzlich die Lautsprecher auf dem Rathausturm ein. Eine Luftalarmsirene – das ist ein langer hoher Ton, der dauert und dauert, dann fällt er ab, schwillt wieder an. „Achtung Bürger, es besteht die Gefahr eines Raketenangriffs, begeben Sie sich sofort in den nächsten Schutzraum. Helfen Sie denen, die Schwierigkeiten haben, sich aus eigener Kraft fortzubewegen. Ignorieren Sie diesen Alarm nicht, unser Feind ist heimtückisch. Achtung Bürger …“ Ok, ich habe dich verstanden. Ich nehme den Rucksack, die Flasche mit dem Wasser, meinen Mantel. Ich schließe die Tür.

Besuch in Lwiw : Der Luftalarm gehört zum Alltag

Eine friedlichere Zeit. Die Altstadt von Lwiw, die 1998 zum Weltkulturerbe erklärt wurde.Foto: picture-alliance/ dpa

Ich setze mich zwischen zwei Mauern am Eingang des Gebäudes. Meine Logik ist einfach: so dicke und viele Wände werden mich vor den Raketentrümmern schützen. Und wenn die Rakete das Gebäude selbst trifft … nun, das war’s dann. Ich öffne die Karte der Luftalarme. Die gesamte Ukraine ist leuchtend rot – es besteht die Möglichkeit eines Raketenangriffs auf alle Regionen. Millionen von Menschen sind wach und schauen auf dieselbe Karte. Ich warte.

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„Was ist in Winnyzja passiert? Mein Gott …“ Ein neues Café in der Drukarska Straße in Lwiw. Ich hatte vor, hier ein nettes Instagram-freundliches Frühstück mit meiner Mutter einzunehmen; sie ist gerade aus Saporischschja angekommen. Aber der Luftalarm begann um zehn Uhr und dauerte zwei Stunden, also ist es jetzt eher … Mittagszeit? Ich öffne den Telegram-Kanal auf meinem Mobiltelefon und sehe genau das, was ich nicht sehen wollte – einen vom Körper abgerissenen Frauenfuß neben einem Kinderwagen, in dem ein totes Mädchen liegt.

Bilder von toten Ukrainern in den sozialen Medien

Hin und wieder passiert so etwas. Ich wache auf, öffne die Nachrichten und sehe das Video eines Russen, der einen ukrainischen Soldaten kastriert. Die verkohlten Leichen der gefangenen Soldaten des Asow-Regiments, die von einer russischen Rakete im Lager Oleniwka verbrannt wurden. Die neue Leiche eines ukrainischen Zivilisten – die Hände auf dem Rücken gefesselt, ein deutliche Anzeichen von Folter. Mein Atheismus endete am 24. Februar, also glaube ich an Gott – oder vielmehr an Gottes Strafe für diejenigen, die sie verdienen. Ich frage mich nur, wie schnell sie kommen wird.

Die armenische Kathedrale ist mein Lieblingsort in Lwiw. Kein elektrisches Licht im Inneren, nur ein paar durch die Fenster fallende Sonnenstrahlen. An den Wänden Fresken, die der polnische Maler Jan Henryk de Rosen in den 1920er Jahren schuf. Der heilige Christophorus, jedoch ohne Hundekopf, trägt Christus über den Fluss. Zornige Engel, die den Kopf und den Körper (getrennt) von Johannes dem Täufer halten. Jedes Mal, wenn ich dieses Fresko betrachte, frage ich mich, warum genau die Engel so wütend sind. Wahrscheinlich, weil sie wissen, was später passieren wird.

Alles in allem kein Wunder, dass ich beschlossen habe, eine Wohnung gleich nebenan zu mieten: Das Haus liegt im Hof der Kathedrale. Eines Abends spielt ein Straßenmusiker unter meinem Fenster Gitarre. Die ganze Zeit nur ein Lied – das unerwarteteste und lächerlichste für diese Umstände: „Imagine“.

Es gibt hier kein Publikum, die Ausgangssperre beginnt um 23 Uhr; aber auch keine Polizei oder Territorialverteidigung. Nur ich – meine Mutter ist bereits nach Saporischschja zurückgekehrt – und die Statuen der Kathedrale, von denen einige sorgfältig in Tücher eingewickelt wurden, hören zu. Ich schaue sie an und denke: Wie soll dieser Stoff die steinernen Heiligen und Engel vor der Zertrümmerung schützen? Dann verstehe ich, dass das Tuch nur dazu dienen soll, die Bruchstücke zusammenzuhalten.

Und so geht es weiter mit „Imagine“, das gar nicht gut gealtert ist. Die ruhige Stadt mit ihrer Ausgangssperre, eine universelle Ironie. Gegen 23.35 Uhr endet das Lied; der Musiker geht, der Dom bleibt. Um fünf Uhr wird der Luftalarm wieder losgehen. Millionen von Ukrainern werden aufwachen und aufgefordert werden, sich sofort in den Schutzraum zu begeben. Imagine.

Anastasiia Kosodii ist Bühnenautorin und Leiterin des Theatre of Playwrights in Kiew. Derzeit lebt sie in Berlin. Ihren Text hat Nadine Lange aus dem Englischen übersetzt.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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