Carl-Christian Elzes Roman “Freudenberg” : Frische Sachen, frische Tote

Schillernde Gedankenwelt eines Teenagers: Carl-Christian Elzes Debütroman „Freudenberg“.

Carl-Christian Elzes Roman "Freudenberg" : Frische Sachen, frische Tote

Der Leipziger Schriftsteller Carl-Christian Elze, 47Foto: Hannah Beck

Wörter sind für den 17-jährigen Freudenberg eine seltsame, wenig vertrauenswürdige Angelegenheit. Wie kann es etwa sein, fragt er sich an einer Stelle, dass die Begriffe „Malve“ und „Stockrose“ dieselbe Pflanze bezeichnen und dabei etwas völlig Unterschiedliches transportieren?

Seine Eltern kommunizieren vor allem über Floskeln und abgegriffene Redewendungen; Freudenberg hingegen zieht es vor, gänzlich zu schweigen. Umso schillernder ist seine Gedankenwelt, in die uns der Leipziger Autor Carl-Christian Elze in seinem Debütroman „Freudenberg“ mitnimmt. (Edition Azur im Verlag Voland & Quist, Berlin und Dresden. 176 S., 20 €.)

Bis sich der dunkelbunte Kosmos in seiner ganzen Komplexität und Skurrilität entfaltet, lässt sich der Roman allerdings Zeit. Zunächst erzählt Elze recht realistisch und detailverliebt, wie sein Protagonist mitsamt Eltern in einem Hotel an der Ostsee absteigt, um dort den Urlaub zu verbringen.

Wohin sich der Text auf leisen Sohlen bewegt, verraten lediglich Freudenbergs düster-morbide Interpretationen der Welt, die sich immer wieder zwischen die Zeilen schieben: So sieht er im Teppich des Hotels ein „Durcheinander aus Blut- und Fetttönen“; die Balkonmöbel erinnern ihn an „halb verrottete Walknochen“.

Verschiedene Paralleluniversen

Scheinbar Vertrautes wird durch seinen Blick plötzlich fremdartig und angsteinflößend, wodurch Elze das Alltägliche subtil mit latenter Bedrohung auflädt. Obwohl sein jugendlicher Anti-Held zu allem schweigt, was seine Eltern für ihn entscheiden, spürt man unter der Oberfläche etwas brodeln.

Als er am Strand eine Leiche findet, die ihm verblüffend ähnlich sieht, wittert er eine Chance, sich eine neue Identität zuzulegen – zumindest in einer Version der Geschichte. An diesem Punkt nämlich gewinnt der Roman nicht nur gehörig Fahrt, er fächert sich zugleich in verschiedene Paralleluniversen auf, die Elze im Folgenden geschickt verwebt.

In einem Handlungsstrang genießt Freudenberg die Freiheit in den polnischen Wäldern und verliebt sich in ein mysteriöses Mädchen; in einem anderen kehrt er, wie eine moderne Version von Balzacs tot geglaubtem „Oberst Chabert“, ins Elternhaus zurück, um dort als unglückliches Gespenst sein Dasein zu fristen.

„Auch mit frischen Sachen fühlte sich Freudenberg nicht wie ein frischer Mensch, nur wie ein frischer Toter“ – dieser Satz fasst pointiert die ganze Tragikomik dieses Protagonisten zusammen. Und auch den Ton des Romans.

Kryptisches Innenleben

Allerlei filmische und literarische Anleihen blitzen auf, wenn Elze seine präzise beobachtete Außenseiterstudie immer wieder mit Psychothriller-Elementen garniert: „Lenz“ trifft „Ripley”, sozusagen. Doch auch wenn „Freudenberg“ durchaus Gänsehautmomente und Cliffhanger bereithält, rührt die Faszination dieses Buches doch eher vom kryptischen Innenleben seiner Titelfigur.

Sollte man Mitleid haben mit diesem Teenager, der feststeckt in der dumpfen Biederkeit seines Elternhauses, zwischen Pubertät und Erwachsenensein? Oder ist Freudenberg vielmehr ein gefühlloser Soziopath, vor dem man sich fürchten muss?

Seine Umwelt beobachtet Freudenberg mikroskopisch genau: sei es ein Schokoladenpapierchen, das sich immer wieder in einem Hagebuttenstrauch verheddert und damit die ganze Ausweglosigkeit und Verzweiflung des Banalen offenbart. Oder einen sich langsam öffnenden Malvenblütenkelch in seiner verblüffenden Zartheit und Schönheit.

Menschliche Emotionen hingegen kann Freudenberg offenbar weder erkennen noch benennen. So wirken seine Handlungen oftmals reflexhaft oder aber seltsam fremdgesteuert: „Er fühlt es an seinem Mund, dass er lächelt. Doch etwas stimmt nicht. Als würde ihm jemand die Mundwinkel hochziehen, jemand anderes.“

Immer wieder entschlüpft Freudenberg sich selbst und hinterlässt einen Rest Unheimliches, Ungesagtes. Uns Leser:innen, auch dem Autor entgleitet er letztendlich – und bleibt einem gerade dadurch noch lange über die Lektüre hinaus im Gedächtnis.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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