Ein Monat für queere Sichtbarkeit : Was bedeutet der Pride Month abseits von Firmenlogos in Regenbogen-Farben?

Im Juni ist Pride Month und daher steigt die Aufmerksamkeit für queere Menschen. Wir beantworten die größten Fragen zum Aktionsmonats – und zum Pinkwashing.

Ein Monat für queere Sichtbarkeit : Was bedeutet der Pride Month abseits von Firmenlogos in Regenbogen-Farben?

Menschen marschieren mit Regenbogenfahnen und Schildern während der jährlichen Gay-Pride-Parade in Jerusalem.Foto: Ilia Yefimovich/dpa

Out and proud: Jedes Jahr nutzt die queere Community den Juni, um ihre Identität zu zelebrieren und für Gleichberechtigung zu kämpfen. Unter der Abkürzung LSBTQAI+ vereinen sich dabei Lesben, Schwule, Bisexuelle, sowie trans, queere, asexuelle und intersexuelle Menschen, um gemeinsam für ihre Rechte einzustehen.

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Es geht im sogenannten „Pride Month” Juni also um mehr als um fröhliche, bunte Paraden. Auch historisch fußt der Pride Month auf Protesten und Demonstrationen.

Wie ist der Pride Month entstanden?

Im New York der 60er- und 70er-Jahre kam es immer wieder zu gewalttätigen Razzien in queeren Lokalen, häufig mit anschließenden Anklagen wegen „anstößigen Verhaltens”. Zu diesem Verhalten wurde neben dem Händchenhalten und Küssen bereits die bloße Anwesenheit in einer solchen Bar gezählt. Auch das „Stonewall Inn” war davon betroffen – ein Lokal mit vornehmlich homosexuellem und trans Publikum, gelegen in der Christopher Street.

Im Jahr 1969, Ende Juni, hielten sich besonders viele queere Menschen in New York auf, da zuvor die Beerdigung der Schwulenikone Judy Garland stattgefunden hatte. Als es in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni erneut zu einer Razzia im Stonewall Inn kam und im Zuge dessen gewaltsam eine lesbische Frau verhaftet wurde, leisteten die Besucherinnen und Besucher der Bar erstmals Widerstand. Tatsächlich gelang es ihnen, die Polizei erfolgreich zu vertreiben.

Die Proteste sollten im Anschluss noch mehrere Tage andauern und gingen als Stonewall-Aufstände in die Geschichte ein. Sie markieren einen entscheidenden Wendepunkt im Kampf um die Sichtbarkeit und Rechte der US-amerikanischen LSBTQAI+ Community.

Im Anschluss an die Aufstände in der Christopher Street gründete sich die Gay Liberation Front (GLF), die erste große Organisation, die offen und konfrontativ für die Rechte von Schwulen und Lesben eintrat. Ein Jahr später organisierte diese einen Marsch in Gedenken an die Stonewall-Aufstände – der Christopher Street Day war geboren. In den USA wird daher seitdem am letzten Sonntag im Juni eine Parade gefeiert.

Um den Stonewall-Aufständen zu gedenken, auf weiterhin bestehende Diskriminierung hinzuweisen und die Vielfalt der Gesellschaft zu feiern, wurde der gesamte Juni zum sogenannten Pride Month erkoren. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton erkannte diesen 2000 offiziell als „Gay and Lesbian Pride Month” an.

In Deutschland formierten sich seit den späten 70er Jahren eigene Demonstrationen, die sich erst später mit internationalen Bewegungen vereinten. Der Berliner CSD fand zum ersten Mal 1979 statt.

Wie wird der Pride Month zelebriert?

Jedes Jahr finden in dem Zeitraum im und um den Juni weltweit Paraden statt. Die New York Pride findet traditionell am letzten Sonntag im Juni statt, in Berlin wird am 23. Juli der Christopher Street Day gefeiert. Weltweit gibt es in zahlreichen Städten viele Pride Paraden.

Doch auch kulturell wird der Monat zelebriert, beispielsweise in Form von queeren Filmfestivals oder Partys. Zahlreiche Anlehnungen anderer marginalisierter Gruppen, wie die Disability-Pride, die sich gegen Ableismus (Diskriminierung von Menschen mit Behinderung) einsetzt, sind daraus entstanden.

Ein Monat für queere Sichtbarkeit : Was bedeutet der Pride Month abseits von Firmenlogos in Regenbogen-Farben?

Teilnehmerinnen der jährichen Jerusalem Pride Parade küssen sich.Foto: RONALDO SCHEMIDT / AFP

Pinkwashing: Wie Firmen mit dem Pride Month umgehen

Auch viele Unternehmen fühlen sich aufgerufen, ihre Solidaritätsbekundungen zu teilen. Ob aus echter Solidarität oder doch aus PR-Gründen, darf stets neu hinterfragt werden.

Den Pride Month erkennt man oft daran, dass die Logos großer Unternehmen plötzlich in Regenbogen-Farben erscheinen. Häufig bleibt das jedoch die einzige Maßnahme. Man spricht daher hierbei auch von „Pinkwashing“.

Mehr zum Pride Month und zur queeren Geschichte:

  • Geschichte des Berliner CSD: Mitbegründer Bernd Gaiser über den ersten Christopher Street Day
  • Stonewall-Aufstände: Urknall der queeren Emanzipationsbewegung
  • Symbol der Lesben und Schwulen: Eine kleine Geschichte der Regenbogenfahne
  • Geschichte der Homosexuellen: „Erinnerungskultur braucht mehr Vielfalt“

Statt performativer Solidarität fordern viele Kritiker:innen von den Unternehmen tatsächliches Engagement zugunsten der queeren Community. Wichtig sind hierbei vor allem interne Maßnahmen: So sollte ein Modeunternehmen nicht nur T-Shirts mit „Love is Love” bedrucken, sondern daran arbeiten, sich selbst als queerfreundlicher Arbeitgeber aufzustellen.

Pride Month: Warum es ihn heute noch braucht

Während es gerade einmal 30 Jahre her ist, dass die WHO anerkannt hat, dass Homosexualität keine Krankheit darstellt, wird Transidentität bis heute im ICD klassifiziert. In gerade mal 30 Ländern ist es gleichgeschlechtlichen Paaren derzeit erlaubt, zu heiraten. Das Adoptionsrecht ist häufig separat geregelt. Nicht-binäre oder trans Menschen werden in den meisten Regelungen bisher gar nicht beachtet.

Diskriminierung gegenüber queeren Menschen ist zudem bis heute an der Tagesordnung. Die Gewalttaten, auch in Deutschland, stiegen zuletzt sogar stark an.

Immer wieder werden Vorurteile reproduziert, wie man zuletzt an der teils homofeindlichen Berichterstattung über das neue Affenpocken-Virus beobachten konnte. So ist es auch nicht verwunderlich, dass das Coming Out für viele junge queere Menschen bis heute mit großer Überwindung verbunden ist.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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