Europas wichtigstes Theaterfestival eröffnet : Die Mythen der Mörder

Stürmischer Auftakt beim Theaterfestival von Avignon mit Kirill Serebrennikow und Tiago Rodrigues.

Europas wichtigstes Theaterfestival eröffnet : Die Mythen der Mörder

Verräterische Idylle. “Der Schwarze Mönch” nach Tschechow im Papstpalast.Foto: AFP

Mit dem Mistral muss man beim Freilufttheater in Avignon immer rechnen. In diesem Jahr ist er besonders heftig, fegte in den ersten Tagen Plakate von den Wänden und riss Brotkörbchen von den Restauranttischen. Das Gastspiel des Hamburger Thalia- Theaters hat der unbändige Windgeist am Eröffnungsabend als ungefragter Nebendarsteller ebenfalls heftig heimgesucht.

Kirill Serebrennikow hatte im Januar Anton Tschechows philosophische Novelle „Der schwarze Mönch“ im Hamburger Thalia Theater herausgebracht. Ein entzündetes Stadtgehirn sucht auf dem Land Erholung bei Anverwandten und trifft unvermittelt auf die Erscheinung eines rätselhaften Mönches und damit auf ein mephistophelisches Genialitätsversprechen. Hier in Avignon, zur Eröffnung des noch bis zum 26. Juli laufenden Festivals, fühlte sich das jetzt an wie eine Schiffsreise auf offener See mit ungewissem Ausgang. Bühnennebel verwirbelt, plastikplanenbedeckte Gewächshäuser flattern um ihr Leben. Es faucht und rauscht – und lässt ahnen, dass das hier verhandelte Menschenprojekt der Einhegung der äußeren und inneren Natur durch Gartenarbeit wohl scheitern muss.

Im Exil angekommen

Es gibt in Avignons Papstpalast eben immer auch Natur und Elemente als das ganz andere. Und das hat beim Festival noch nie so schön mitgespielt. Außerdem nutzt Serebrennikow die finstere Papstpalastfassade klug für kosmisch anmutende Videoprojektionen. Beim Schlussapplaus flammt dann knallrot und ganz groß „Stop War“ auf. Eine Beruhigung für alle, die durch Presseberichte aufgeschreckt worden waren, die nahelegten, der Russe Serebrennikow sei unter anderem ob seiner engen Kontakte zum Oligarchen und zu Filmfinancier Roman Abramowitsch doch nicht der lupenreine Kremlkritiker, als der er angesehen wird. Mehr noch, Serebrennikow landet mit dem grundsoliden Thalia-Ensemble einen großen Festivalerfolg. Nach jahrelangem Verfahren wegen angeblicher Veruntreuung von Staatsgeldern am Moskauer Gogol-Center, nach Hausarrest und Ausreiseverbot ist er nun definitiv im westlichen Exil.

Und noch eine Exilgeschichte gibt es zum Start des 76. Festivals d’Avignon, dem letzten unter der Leitung von Olivier Py: Der iranische Regisseur Amir Reza Koohestani, der in Berlin vor allem durch Arbeiten am Deutschen Theater und Gastspiele an der Schaubühne bekannt ist, verblendet Anna Seghers „Transit“ mit eigenen Erfahrungen in einem Abschiebewarteraum des Münchner Flughafens. Dort war er 2018 bei der Passkontrolle auf seiner Reise nach Santiago de Chile festgehalten und in einen Raum mit Geflüchteten gebracht worden, lauter Menschen, die auf Abschiebelisten standen. Ein Schock für den international erfolgreichen Regisseur.

Die Unmoral der Klassiker

Auf der Bühne spielt diese Erfahrung in einem grauen Raum mit ein paar fahrbaren Blenden und Glaskabinen. Die Schlüsselszene ist der allmählich eskalierende Streit einer Reisenden mit einer Beamtin. Es geht um die Gültigkeit von zwei Schengen-Visa. Koohestani schafft starke Bildfusionen aus Körpern und Videobildern, aber dramaturgisch ist sein „En Transit“ bestenfalls ein Thema mit Variationen. Im Herbst inszeniert der Regisseur eine deutsche Version seines Stückes in Weimar und Hamburg.

Aber auch Märchen und Mythen füllen in Avignon Theaterhäuser. Im frisch renovierten Opernhaus blicken wir auf einen weiten Strand. Anne Théron inszeniert eine Neufassung der „Iphigenie in Aulis“ von Euripides, aus der Feder des portugiesischen Theatermannes Tiago Rodrigues, der künftig die Leitung des Festivals in Avignon übernimmt.

Unwille zeichnet sich schon von vornherein ab, Widerstand gegen ein mythologisches und theaterhistorisches Erbe, das mit Euripides auf die abendländische Kultur gekommen ist: der mythologisch verbrämte Frauenmord aus machtpolitischen Gründen. Dieses Stück macht den Versuch, den Mythos und das dramatische Erbe in seinem Kern zu attackieren.

Die kranke Welt

Während sich Agamemnon und Menelaos um die Frage streiten, ob Iphigenies Opferung wirklich Teil der griechischen Geschichte werden muss, stellen die Frauen des Chors diese alte Geschichte mit Wut im Bauch nach. So stellt das Stück die Frage, ob das Geschehen überhaupt sittlich und moralisch begründet werden kann. So leistet das Theater sich selbst Widerstand und vertreibt jede Heroik aus der Tragödie. Tiago Rodrigues bricht in ein Sprachheiligtum ein und legt dessen skandalösen, ja unerträglichen Kern frei.

Solche Sensibilisierung für die Katastrophe, die Literatur sein kann, tut einem Festival ganz gut, das unter Olivier Pys Leitung die Poeten als Menschheitsretter nobilitieren wollte. Und sie schärft den Blick auf eine 13-stündige Feier von Poesie, Theater und märchenhafter Dramatik, die der junge Autor und Regisseur Simon Falguières in Avignon vollendet hat. „Le Nid de Cendres“ erzählt von einer doppelten Malaise: von der Menschenwelt und von der Märchenwelt. Beide sind krank, von Zerfall bedroht.

Eine Welterschaffungsszene am Anfang, dann ein völlig überlastetes Krankenhaus, eine hochschwangere Frau, eine chaotische Geburt, eine melodramatische Eheszene. Die junge Frau ist mit ihrem Leben unzufrieden. Ein Eindringling Namens Badile manipuliert das Paar, um sich des Neugeborenen zu bemächtigen. Monsieur Badile ist niemand anderes als der Teufel.Er weiß um die Bedeutung des Säuglings als künftigem Weltenretter.

Theaterkommune auf dem Land

Die Königstochter Anne soll ein neues Bündnis von Mensch und Märchen stiften. Zwischen den Welten steht als Bindeglied eine Wandertheatertruppe, die Gabriel als Findelkind aufnimmt. Das riesige Fresco mit über 50 Figuren ist rührendes Volkstheater voll schöner Regieideen, herrlich altbacken, mit oft ostentativen Spielweisen auf der Basis des klug gebauten, epischen Textes.

Das Theaterkollektiv um Simon Falguières hat in der Normandie ein Bauernhaus gekauft und will seine Arbeit dort als Theaterlandkommune fortsetzen. Das erinnert an die Siebzigerjahre und ein wenig auch an die Anfänge von Ariane Mnouchkine und ihr utopisches Kollektiv des „Théâtre du Soleil“.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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