Hoffnung in der Messewirtschaft : Sommerliches Hoch

Nach Corona und einem Schaden von 55 Milliarden Euro kommt die Branche wieder in Schwung. In London gibt es ein Spitzengespräch über die Berliner Ifa.

Hoffnung in der Messewirtschaft : Sommerliches Hoch

Heiße Events. Manche Messen locken die Massen an, wie hier die Digitalmesse OMR in Hamburg.Foto: dpa

Mit einem „Schlag in die Magengrube“ habe das Jahr begonnen. Und jetzt reicht es. „Der Gesetzgeber muss gewährleisten, dass Messen auch im kommenden Winterhalbjahr stattfinden können – und zwar ohne Zugangs- und ohne Kapazitätsbeschränkungen“, forderte Philip Harting, Chef des Verbandes der Messewirtschaft (Auma) am Donnerstag in Berlin. Wenige andere Wirtschaftszweige wurden so heftig vom Lockdown getroffen: Schließungen, Verbote und Verschiebungen von Messen und Kongressen hätten einen gesamtwirtschaftlichen Schaden von 55 Milliarden Euro verursacht, rechnete Harting vor. „So darf es keinesfalls weitergehen.“

So viele Messen wie noch nie im Juni

Das tut es auch nicht. Deutschland steht „vor einem heißen Messesommer, den es so noch nicht gegeben hat“. Der Auma berichtet von 50 Veranstaltungen im Mai und weiteren 40 im Juni – so viele wie nie zuvor. Nachdem in den ersten vier Monaten nicht viel passiert ist – bis März konnten von 140 geplanten Veranstaltungen nur 20 stattfinden, im April ging es langsam aufwärts – kommt jetzt Schwung in das Geschäft. „Mehr als die Hälfte der noch gut 250 Messen in diesem Jahr finden im Sommer statt“, teilte der Auma mit. Das ist ungewöhnlich, denn „Messesaison ist in der Regel das Winterhalbjahr“. Aber der Nachholbedarf sei eben enorm, sagte Harting. Das bestätigt auch die Messe Berlin, deren erste Veranstaltungen nach Corona in diesem Frühjahr „über Plan“ gelegen hätten. Die wichtigsten Events stehen im September an: Zu Beginn des Monats die Ifa, die nach eigenen Angaben „global bedeutendste Messe für Consumer- und Home Electronics“, und Ende September die Innotrans, die internationale Leitmesse für Verkehrstechnik, die alle zwei Jahre Fachbesucher aus aller Welt nach Berlin führt.

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Während der Ifa sind die Hotels ausgebucht

Diese beiden Veranstaltungen haben für die Stadt die höchste Umwegrentabilität, also den größten gesamtwirtschaftlichen Effekt, wie sich etwa im Gastgewerbe zeigt: Während der Ifa und der Innotrans sind die Hotels ausgebucht und können „Messepreise“ verlangen. Nach zweijähriger Pandemiepause sei die diesjährige Ifa gut gebucht, nach Angaben der Messe Berlin haben „zwei Drittel der Top-Aussteller ihre Teilnahme bereits bestätigt“. Für die Fach-Besucher bietet die Messe bis Ende Mai ein „Super-Early- Bird-Ticket“ für 35 Euro an. „Ein September ohne Ifa ist einfach nicht dasselbe“, ließ sich Michael Geisler, Geschäftsführer von Electrolux Hausgeräte, in einer Mitteilung der Ifa-Presseleute zitieren. „Wir freuen uns auf die Rückkehr der Messe – und damit auf die perfekte Plattform, um Innovationen zu präsentieren.“

2023 läuft der Ifa-Vertrag aus

Bis einschließlich 2023 findet die Ifa in Berlin statt. Dann läuft der Vertrag aus zwischen dem Rechteinhaber gfu und der Messe Berlin. Der Branchenverband gfu will von 2024 an die Ifa, wie berichtet, selbst veranstalten und hat dazu ein Joint-Venture gebildet mit dem angelsächsischen Eventkonzern Clarion; Clarion hält 70 Prozent und die gfu 30 Prozent an der neuen Ifa-Gesellschaft. Als Berater von Clarion und als Investor ist der frühere Berliner Messechef Christian Göke (2013 bis 2020) dabei.

Hoffnung in der Messewirtschaft : Sommerliches Hoch

Nix los. Auf der Ifa im Pandemiejahr 2020 gab es nur ein paar Fachbesucher. Die Messe Berlin machte Verlust.Foto: Bernd Matthies

Nach Angaben aus der gfu will Clarion gut zehn Millionen Euro investieren in die digitale Weiterentwicklung der Ifa und den weltweiten Vertrieb. Über die künftige Vertragsbeziehung verhandeln gfu-Aufsichtsrat Volker Klodwig und der Geschäftsführer der Messe Berlin, Martin Ecknig, seit Monaten. Besser gesagt: Im vergangenen Jahr hat man verhandelt. Seit Februar tauscht man wechselseitig Vorwürfe über Dritte aus: Klodwig wirft Ecknig vor, von einem aus dem November stammenden Eckpunktepapier abgewichen und „exorbitante zusätzliche Forderungen formuliert“ zu haben. Bei der Messe Berlin ist von einem Knebelvertrag die Rede; neben der geringen Vergütung für die Messe, die künftig als Vermieterin der Gastveranstaltung Ifa auftritt, sei das jährliche Kündigungsrecht – etwa bei einem Lockdown – nicht akzeptabel. Es geht um Geld: Falls eine Ifa ausfällt, will das neue Konsortium 1,5 Millionen Euro als Entschädigung zahlen. Die Messe Berlin fordert fünf Millionen Euro.

Krisentreffen bei Clarion

Wolf-Dieter Wolf, Aufsichtsratsvorsitzender der Messe Berlin, hat seinen Vor- Vorgänger im Amt, Hans-Joachim Kamp, der auch Vor-Vorgänger von Klodwig im gfu-Aufsichtsrat ist, um Vermittlung gebeten. Vergeblich. Clarion-Chef Simon Kimble hat sich eingeschaltet und mit Ecknig telefoniert. Die Herren wollen sich nächste Woche in London treffen.

Eigentlich ist noch genügend Zeit, da der aktuelle Vertrag ja bis 2023 läuft. Aber in der Branche schaut man irritiert auf die Auseinandersetzung, die zunehmend bizarre Züge annimmt – und Schatten auf die Ifa wirft. Der langjährige Ifa-Chef Jens Heithecker, der im Oktober 2021 Ecknig seine Kündigung zum 31.12.22 angekündigt hatte und von Clarion ein Vertragsangebot erhielt, wurde wegen des Verdachts auf Geschäftsgeheimnisverrat fristlos gekündigt.

Auf der Suche nach Investoren

Göke wiederum wird von Ecknigs Seite ein Engagement zulasten des früheren Arbeitgebers vorgeworden. Dabei hatte Göke bereits vor Corona versucht, die landeseigene Messegesellschaft breiter aufzustellen: Gemeinsam mit dem damaligen Regierenden Bürgermeister Michael Müller führte Göke Gespräche mit den Messegesellschaften Hannover und Hamburg über eine Fusion. Nachdem der Zusammenschluss aufgrund von Bedenken des niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil nicht zustande kam, sprachen Göke und Müller auch mit dem Springer-Verlag; erst über eine Beteiligung an der Messegesellschaft, später über die Ifa. Nachdem die Gespräche im Sande verliefen, kam Clarion in Spiel.

Da es vom Eigentümer, dem Land Berlin, keine Investitionsmittel gibt, war Göke ständig auf der Suche nach Fremdkapital, um die Berliner Leitmessen international zu vermarken. Zwei Drittel aller globalen Branchenmessen finden in Deutschland statt, davon fünf in Berlin. Wie es nach der Pandemie weitergeht, ist offen. Viel hängt ab vom Reiseverhalten der Asiaten und Amerikaner. Sicher ist nur: Der Messesommer 2022 endet im Herbst.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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