Im Publikum nach der Pandemie : Wie kann man Panikattacken beim Popkonzert vermeiden?

Der Besuch von Konzerten ist vielerorts wieder ohne Einschränkungen möglich. Doch die Kompetenzen dafür müssen mühsam neu erlernt werden. Eine Glosse.

Im Publikum nach der Pandemie : Wie kann man Panikattacken beim Popkonzert vermeiden?

Der Rapper Marteria bei einem Konzert.Foto: imago

Der Abend beginnt mit einem Affront am Eingang. Sie prüfen den Impfstatus nicht mehr. Dabei waren die aneinandergereihten digitalen Abzeichen doch der ganze Stolz eines Pandemieveteranen. Hier und heute alles wertlos. Immerhin gibt es einen neuen Stempel auf den Handrücken.

Dass der Wollpullover kein Kleidungsstück für einen Konzertbesuch ist, dämmert wieder, als einem das Gemisch aus stickiger Hitze und Körperausdünstungen anschwitzender Leiber entgegenschlägt. Die Furcht vor einer Infektion haben die Menschen zusammen mit der Maske an der Garderobe abgegeben. Nur fünf spöttisch-mitleidig Beäugte bedecken noch ihr Gesicht. Bier lässt sich nun mal schlecht durch eine Filtermembran konsumieren. Das Publikum verdichtet sich. Räumlich und alkoholisch.

Wie war das noch gleich? Während der Vorband darf geredet werden. Dafür muss man aber bis auf wenige Zentimeter an das Ohr des Gegenübers rücken. Wie bitte? „Ich sagte: Morgen hat es uns alle erwischt!“. Ansteckung im Nahbereich mit der Pessimismusvariante. Die Inzidenz für Berlin liegt am Ostermontag noch knapp über 500. Rein rechnerisch ist bei 100 Anwesenden nur ein halber Infizierter dabei. Beruhigend.

Sprühnebel aus Speichel und Bier

Was für eine Lautstärke! Gab es nicht mal diese Ohrenstöpsel? Jene vergessenen Relikte einer Zeit, als man noch die Gehörgänge schützte, statt Mund und Nase. Menschen johlen begeistert auf. Sei ihnen gegönnt, aber müssen die wirklich aus voller Kehle mitsingen? Sprühnebel aus Speichel und Bier überziehen die Umherstehenden. „Feucht-fröhlich“ hatte auch schon mal einen besseren Beiklang. Einen Refrain lang kann man noch die Luft anhalten. Nützt aber eh nichts. Die Virenwolke um eine infizierte Person nimmt eine Kegelform an, sagt die Wissenschaft, verbreitet sich V-förmig über die Köpfe hinaus. Also einfach drunter wegducken?

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Von hinten erkennt man ohnehin kaum etwas auf der Bühne. Da war man bei den Streamingkonzerten irgendwie näher dran. Standen die Leute schon immer so dreist im Blickfeld und auf den Füßen der Mitmenschen? Konfrontationstherapie. Der eigene Blick schweift paralysiert umher. Ein leichter Schwindel setzt ein. Ungelenke Ausweichbewegungen. Abstand halten? Unmöglich. Hände waschen? Seife leer. Regelmäßig lüften? Das würde nur die wundervollen Rauchschwaden verwirbeln, die sich bereits unter der Zimmerdecke kringeln. Bloß nicht husten.

Und dann sitzt man wieder allein zu Hause. Die Ohren fiepen. Die Wangen glühen rot. Die Augen sind glasig. Der Schweiß hat längst den letzten trockenen Fleck auf der Kleidung erobert. Es ist kein Fieberschub. Es ist wohl bloß die rückkehrende Euphorie.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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