Irans Regime und seine Kritiker : Bären-Gewinner Jafar Panahi soll sechs Jahre im Gefängnis bleiben

Der Regisseur muss seine Haftstrafe von 2010 antreten – nachdem er sich mit anderen verhafteten Filmemachern solidarisch erklärt hatte.

Irans Regime und seine Kritiker : Bären-Gewinner Jafar Panahi soll sechs Jahre im Gefängnis bleiben

Jafar Panahi, hier auf einem Foto von 2010, auf dem Balkon in seiner Heimatstadt Teheran.Foto: AFP/Atta Kenare

Das Urteil ist zwölf Jahre alt, jetzt muss der iranische Filmemacher und Berlinale-Gewinner Jafar Panahi es antreten. Sechs Jahre lang soll der 62-Jährige im Teheraner Evin-Gefängnis bleiben, nachdem er am 11. Juli die Staatsanwaltschaft aufgesucht hatte, um sich nach seinen Kollegen Mohammad Rasoulof, ebenfalls Goldbären-Gewinner, und Mostafa Aleahmad zu erkundigen.

Prompt wurde Panahi abgeführt – Panahis Ehefrau Tahereh Saeedi sprach gegenüber der BBC von Kidnapping. Die beiden anderen waren drei Tage zuvor festgenommen worden, auch sie sitzen im Gefängnis.

Irans Regime greift in diesen Tagen unerbittlich durch, nachdem es die zivilbürgerlichen Proteste wegen einer in der südwestiranischen Stadt Abadan eingestürzten Einkaufspassage mit mehr als 40 Toten gewaltsam niedergeschlagen hatte.

Die Filmemacher hatten sich mit den Protestierenden solidarisiert, mit anderen Filmschaffenden den Appell „Put your gun down“ unterzeichnet und ein Ende der Polizeigewalt gefordert. Offenbar ein Anlass, ein Vorwand für die Justizbehörden, um jetzt auch gegen die international renommierten, preisgekrönten Künstler rigide vorzugehen.

„Panahi wurde 2010 zu einer Gesamtstrafe von sechs Jahren Gefängnis verurteilt … deshalb wurde er ins Evin-Gefängnis gebracht, um die Strafe zu verbüßen“, sagte Justizsprecher Massoud Setayeshi. Leider ist anzunehmen, dass auch Rasoulof und Aleahmad in Haft bleiben müssen.

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Im März 2010 waren die beiden wegen angeblicher „Propaganda gegen das Regime“ im Zusammenhang mit den Protesten nach den iranischen Präsidentschaftswahlen vom Vorjahr verhaftet worden. Rasoulof kam nach drei Wochen frei, Panahi mit hoher Kaution nach knapp drei Monaten. Das anschließende Urteil belief sich bei beiden auf sechs Jahre, Panahi erhielt außerdem Dreh- und Reiseverbot. Rasoulofs Strafe wurde in eine Bewährungsstrafe umgeändert, 2019 wurde er jedoch zu einer weiteren, einjährigen Haftstrafe verurteilt – ohne Bewährung.

All diese Urteile wurden nicht vollzogen – das Damoklesschwert des Gefängnisses hing jedoch all die Jahre über den Regisseuren. Willkür ist eine bewährt Methode des Regimes, um seine Kritiker in Schach zu halten. Beide Filmemacher arbeiteten jedenfalls weiter (Rasoulof wurde wie Panahi der Pass entzogen, aber er hatte kein Drehverbot). Jafar Panahi drehte in seiner Wohnung das Videotagebuch „Dies ist kein Film“, eine tragikomische Selbstreflexion über die Gefangennahme der Fantasie. Und er drehte, nach dem ebenfalls heimlich entstandenen semidokumentarischen Vexierspiel „Closed Curtain“ (Silberner Bär 2013) das Roadmovie „Taxi Teheran (Goldener Bär 2015).

Darin verkörpert er einen Taxifahrer, nutzt den geschützten Ort eines Wageninneren mitten im öffentlichen Raum. Eine weitere filmische Guerillaaktion mit hohem Risiko- Einsatz – die Crew wird nicht im Abspann genannt.

Mohammad Rasoulof musste bei seinem Todesstrafen-Episodendrama „Doch das Böse gibt es nicht“, dem Berlinale-Sieger von 2020, ähnliche Vorsicht walten lassen. Um die Dreherlaubnis zu erhalten – unvermeidlich wegen Außendrehs auch in Teheran – wurden den Behörden die Scripts von vier Kurzfilmen vorgelegt.

“Wir haben vier Produktionen von vier Filmemachern angemeldet, es sind zufällig meine Regieassistenten”, erklärte Rasoulof 2020 im Tagesspiegel-Interview. “Bei Kurzfilmen schaut das Zensursystem noch nicht so genau hin. Die Filme spielen an vier sehr unterschiedlichen Orten, sie wurden zu unterschiedlichen Zeiten realisiert.”

In den nächsten Tagen wird alle Welt gewiss wieder die unverzügliche Freilassung der Künstler fordern, wie es nach den Festnahmen am 8. und 11. Juli bereits die Berlinale, die Filmfestivals Cannes und Venedig, die Europäische Filmakademie, die internationale Organisation „Filmmakers at Risk“ und das französische Außenministerium taten – und wie es jetzt vielleicht auch die deutsche Politik tun wird. Gut so. Nur steht zu befürchten, dass es den Filmemachern so schnell nicht hilft.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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