Kanzler fürchtet noch viele Opfer : Scholz’ „bittere Wahrheit“ über Putins Krieg

Auf der traditionellen Spargelfahrt des Seeheimer Kreises stimmt der Bundeskanzler seine SPD auf ein langes Engagement in der Ukraine ein. Und lobt sich selbst.

Kanzler fürchtet noch viele Opfer : Scholz' „bittere Wahrheit“ über Putins Krieg

Bundeskanzler Olaf Scholz vor der Spargelfahrt des Seeheimer Kreises der SPDFoto: Michael Kappeler/dpa

Bei der bislang letzten Spargelfahrt des Seeheimer Kreises im Jahr 2019 hieß es noch Frau über Bord: Andrea Nahles war gerade als Partei- und Fraktionsvorsitzende zurückgetreten. Die Sozialdemokratie stand an der Seite der Union kurz vor der Havarie. Entsprechend düster war die Stimmung. Und jetzt: Eine andere Welt ist es im Jahr 2022; und eine andere Partei. Eine globale Pandemie, ein Krieg in Europa – und die SPD stellt den Kanzler.

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Letzteres scheint viele Genossen immer noch zu erstaunen. Die Parteiprominenten, die am Dienstagabend an der Wannsee-Fahrt des konservativen SPD-Flügels teilnehmen, werden nicht müde zu betonen, welchen Kraftakt man hingelegt habe. Bei elf Prozent habe die Partei vor dem Bundestagswahlkampf gestanden, sagt der jetzige SPD-Chef Lars Klingbeil bei seiner kurzen Rede. „Wir sind marschiert, haben uns nicht abbringen lassen, darauf können wir stolz sein.“

Klingbeil ist es dann auch, der die politische Gesamtlage auf den Punkt bringt. Die vier Großkrisen, nennt er es: Die Krise der Pandemie, die Krise des Krieges, die Krise der Inflation, die Krise des gesellschaftlichen Zusammenhalts.

Selten sei eine Regierung mit solchen Herausforderungen in eine Legislatur gestartet. Der, der diese Krisen managen muss, ist Olaf Scholz. Mit ihm am Tisch sitzen, bei Spargel, Schnitzel und einer Handvoll Kartoffeln, unter anderem auch die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern Manuela Schwesig, die Innenministerin Nancy Faeser und der Sprecher des Seeheimer Kreises, Dirk Wiese.

Scholz startet mit einem ungewollten Scherz zur Pandemie: „Viele hier sind geimpft, ich glaube alle. Mehrfach. Einige sind auch infiziert“, sagt er. Und nach einer kurzen Kunstpause: „Nicht aktuell, hoffe ich.“ Die Lacher sind ihm sicher.

Kanzler fürchtet noch viele Opfer : Scholz' „bittere Wahrheit“ über Putins Krieg

Kanzler Scholz im Gespräch mit SPD-Chef Klingbeil, Innenministerin Faser und Ministerpräsidentin SchwesigFoto: Michael Kappeler/dpa

Dann wird es staatstragend. Er lobt sich selbst für den Mut, die Grundgesetzänderungen zum Sondervermögen für die Bundeswehr angestoßen zu haben: „Das war nicht sicher und mit hohem politischem Risiko verbunden, trotzdem habe ich es vorgeschlagen.“ Gleichzeitig stimmt er seine Partei und damit natürlich auch das Land auf ein langes Engagement in der Ukraine ein. Die „bittere Wahrheit“ sei: „Putin hat noch lange nicht vor, aufzugeben und es wird noch ganz viele Opfer kosten.“

Mit dem Engagement für die Ukraine lässt sich aber kaum eine Wahl gewinnen, das wissen sie hier an diesem Dienstagabend. Da reicht ein Blick nach Paris, wo Präsident Emmanuel Macron gerade eine herbe Schlappe bei der Parlamentswahl einstecken musste. Deshalb wollen die Sozialdemokraten an das Geheimnis des Wahlerfolgs aus dem vergangenen Jahr anknüpfen.

Inmitten der Großkrisen glaubt die SPD an sich

„Wir haben die Wahl gewonnen, weil wir die richtigen Themen angesprochen haben“, analysiert Scholz. Damit will er weitermachen. Was die Menschen heute vor allem bewege: Die Teuerung.

„Wir werden die Bürgerinnen und Bürger bei dieser Herausforderung nicht allein lassen“, verspricht er. Was die Menschen jetzt nicht wollten, seien jeden Tag „aufgeregte“ Vorschläge. „Wir haben Pakete auf den Weg gebracht, die jetzt Stück für Stück bei den Leuten ankommen und vielleicht bemerkt werden.“

Eins wird auf dem Ausflugsschiff MS Havel Queen, das die rund 600 Gäste an diesem Abend über den Wannsee schippert, auch klar: Inmitten der Großkrisen glauben die Sozialdemokraten an sich. Sie sind vom Wahlerfolg immer noch beflügelt. „Wir haben die SPD wieder auf den richtigen Weg gebracht“, sagt Parteichef Klingbeil.

Er appelliert an die Geschlossenheit der Partei. „Intern alles sagen, nach außen geschlossen“, ist sein Motto. Bisher scheint das zu funktionieren. Personalquerelen à la Nahles sind an diesem Abend auf dem See kein Thema.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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