„Kein Schwein hat mit uns gerechnet“ : Deutschland begegnet England im Finale auf Augenhöhe

Das DFB-Team hat eine beeindruckende EM gespielt und kann sich nun mit dem Titel endgültig belohnen. Das könnte wiederum eine ganz neue Begeisterung entfachen.

„Kein Schwein hat mit uns gerechnet“ : Deutschland begegnet England im Finale auf Augenhöhe

Alexandra Popp (r.) könnte im Finale gegen England erneut per Kopf treffen.Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Deutschland steht im Finale der Europameisterschaft. Wer hätte das vor etwa einem Monat noch gedacht? Die Wenigsten wahrscheinlich. Zumindest sieht das Überfliegerin Alexandra Popp so: „Kein Schwein hat mit uns gerechnet und wir stehen jetzt im Finale gegen England in Wembley vor 90.000, ganz ehrlich, was Schöneres gibt’s nicht.“

Das DFB-Team hat begeistert bei diesem Turnier und sich eindrucksvoll zurückgemeldet nach Jahren mit vielen kleineren Krisen. Nun können sie sich mit dem EM-Titel auch dafür belohnen. Tatsächlich gab es das Duell zwischen England und Deutschland in Wembley schon mal vor nicht allzu langer Zeit. Im Aufeinandertreffen am 9. November 2019 vor 77.768 Zuschauenden gewann Deutschland 2:1.

Wenn am Sonntagabend das Endspiel der Fußball-EM (18 Uhr, ARD und Dazn) angepfiffen wird, treffen die beiden besten Nationen des Turniers aufeinander, deren Weg dahin mit einem Blick auf die Statistik ähnlich mühelos erscheint. In fünf Spielen gelangen dem Gastgeber fünf Siege bei 20:1-Toren. Deutschland steht bei ebenfalls fünf Siegen und 13:1-Toren.

Keinem von beiden Teams kann man eine klare Favoritinnenrolle zuschreiben, England dürfte dank des Heimvorteils und zuletzt 19 Spielen ohne Niederlage in der Favoritenrolle sein. „Ich glaube, das ganze Stadion wird gegen uns sein. Wir spielen nicht nur gegen England, sondern gegen die ganze Nation gefühlt“, sagt Lena Oberdorf.

Die mentale Stärke wird entscheidend sein

Dass man das gesamte Stadion gegen sich hat, kann aber auch die „Jetzt-erst-Recht“-Haltung bei den deutschen Spielerinnen wecken, die sie ohnehin schon seit Beginn des Turniers ausstrahlen. Im Halbfinale setzte sich das DFB-Team nach großem Kampf gegen Frankreich durch und zeigte erneut eine beeindruckende Leistung.

Von dem ersten Gegentreffer im Turnier hat sich Deutschland nicht aus dem Konzept bringen lassen und unbeirrt sein Spiel durchgezogen. Diese mentale Stärke könnte zu einer wichtigen Eigenschaft im Finale werden, vor allem falls die Deutschen in Rückstand geraten sollten.

Zusätzlich hat man beim DFB-Team – im Gegensatz zu den vergangenen Jahren – das Gefühl, dass es immer in der Lage ist, ein Tor zu machen. Das ist vor allem wegen Popp der Fall, die sich im Finale ein ganz eigenes Duell mit der Engländerin Bethany Mead um die Torjägerinnenkrone liefern könnte. Beide haben bisher sechs Treffer im Turnier erzielt und damit einen neuen Rekord aufgestellt.

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Es ist längst bekannt, dass England mit Mead, Ellen White und Lauren Hemp Spielerinnen mit Weltklasseniveau in der Offensive hat. Auf die deutsche Abwehrkette dürften deshalb einige Herausforderungen zukommen und vor allem auf Außenverteidigerin Felicitas Rauch mit Mead auf der linken Seite.

Gegen Frankreich hatte es einen Positionswechsel gegeben, sodass Svenja Huth erstmalig vor Rauch über die linke Seite angriff. Das funktionierte grundsätzlich gut, Huth hatte ihre beiden Torvorlagen schließlich doch über die ihr vertraute rechte Seite gegeben.

Die Lust am verteidigen

Auf dieser Seite war Jule Brand neu in die Startelf gerutscht für Klara Bühl nach ihrer Coronainfektion und zeigte ungeahnte Stärken in der Defensivarbeit. Die erst 19-Jährige gewann gegen Frankreich 78 Prozent ihrer Zweikämpfe und das als Offensivspielerin. Im Rückblick war das der richtige Weg gegen eine starke französische linke Seite, die erstmals im Turnier keinen Faktor darstellte.

Trotzdem dürfte die Kombination aus Huth und Giulia Gwinn etwas besser sein, zumindest offensiv gegen die etwas anfällige englische Außenverteidigerin Rachel Daly. Anfällig waren teilweise auch die beiden englischen Innenverteidigerinnen, zumindest in Kopfballduellen. Gegen Schweden konnten sie kein einziges für sich entscheiden. Damit dürften Flanken von außen auf Popp ein adäquates Mittel sein.

Auch im zentralen Mittelfeld wird es spannende Duelle zwischen Oberdorf und Francesca Kirby sowie Lina Magull und ihrer zukünftigen Vereinskollegin beim FC Bayern, Georgia Stanway, geben. Kirby und Stanway sind die englischen Schlüsselspielerinnen im Aufbauspiel, die es gilt, aus dem Spiel zu nehmen.

Nach der großen Lust, die Deutschland in Sachen verteidigen in den letzten Spielen zeigte, kann man da aber zuversichtlich sein. Das deutsche Team kann das intensive Pressing, das es in diesem Turnier auszeichnete, dank seines hohen Fitnesslevels über 90 Minuten durchhalten. Zudem präsentierte es sich extrem aufmerksam und nutzte Unkonzentriertheiten konsequent aus.

Im bisherigen Turnierverlauf war das Team taktisch perfekt eingestellt, dank Martina Voss-Tecklenburg und ihrem Trainer:innenteam, die sicherlich auch dieses Mal Schwächen herausgearbeitet haben. Nun liegt es am DFB-Team, nach einer bisher hervorragenden EM, auch den letzten Schritt zu gehen. Es würde eine ganz neue Begeisterung für den Fußball entfachen.

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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