Mehr Lesen – warum Schmökern auf so vielen Ebenen guttut

Mehr Lesen – warum Schmökern auf so vielen Ebenen guttut

„Eltern sollten sich beim Vorlesen wohlfühlen damit, wie sie es tun, z. B. ist es nicht jedermanns Sache, die Stimme zu verstellen und in verschiedene Rollen zu schlüpfen“, sagen Isabelle Wilden und Pia Hauck von der Stiftung Lesen. „Inhaltlich sollte das vorgelesen werden, was das Kind interessiert und worauf es Lust hat“ Foto: VadimGuzhva – stock.adobe.com .

„Lesen ist ein großes Wunder“, sagte einst die deutschsprachige Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916). Wie recht sie damit hatte!

Was der Mensch seit Generationen spürt und wertschätzt, ist inzwischen wissenschaftlich bewiesen: Das Eintauchen in geschriebene Geschichten fördert unseren Geist, unsere Seele und unsere Gesundheit auf vielen Ebenen. Das fängt schon beim Vorlesen für die Kleinsten an (am 2. April ist übrigens der Internationale Weltkinderbuchtag).

„Kinder, denen regelmäßig vorgelesen wird, haben bereits früher als Kinder ohne diesen Impuls einen größeren Wortschatz, sie lernen leichter lesen und haben bessere Noten in der Schule als Kinder, denen nicht oder nur selten vorgelesen wird“, erklären Experten. Vorlesen unterstützt die mentale Vorstellungskraft und wirkt sich positiv auf die sozialen Fähigkeiten von Kindern aus: „Es fördert das Einfühlungsvermögen und das Interesse für andere und hilft bei der Verarbeitung von Problemen, Sorgen und Konflikten.“ Übrigens auch zwischen Kindern und Eltern, deren Bindung dadurch langfristig gestärkt wird.

Eltern sollten so früh wie möglich mit dem Vorlesen beginnen: „Das Vorlesen für Babys und sehr kleine Kindern bewirkt, dass sie sich an den Klang der Wörter gewöhnen, auch wenn sie den Inhalt noch nicht verstehen“, sagen die Experten. Einen besonders großen Effekt auf die Entwicklung von sprachlicher und kognitiver Entwicklung zeigt das Vorlesen bei Kindern im Alter von vier bis fünf Jahren. „Entscheidend für die Entfaltung des Wirkpotenzials ist die Regelmäßigkeit, mit der Eltern vorlesen – am besten jeden Tag, mindestens aber mehrmals in der Woche.“

Mehr Lesen – warum Schmökern auf so vielen Ebenen guttut

Ein Vater und seine beiden Kinder betrachten ein Buch (Foto: Pixel-Shot – stock.adobe.com)

Vom regelmäßigen (Vor-)Lesen profitieren übrigens nicht nur Kinder: Es verbessert auch bei Erwachsenen den Signalaustausch zwischen verschiedenen Hirnregionen. Studien zeigen, dass Lesen u. a. die Fähigkeit stärkt, geistig in andere Rollen zu schlüpfen und sich auf eine Sache zu konzentrieren. Senioren, die viel lesen, bleiben länger geistig fit und zeigen seltener Symptome einer Demenz, sogar die Gefahr an Alzheimer zu erkranken sinkt.

Der Grund für diese positiven Effekte: Die Fähigkeit zu lesen, verändert das Gehirn. Schon das Entziffern einzelner Wörter aktiviert zahlreiche Areale in unserem Denkorgan, vor allem in der linken Hirnhälfte. Beim Lesen von Geschichten simuliert das Gehirn das fiktive Geschehen, zum Beispiel die Handlungen von Romanfiguren. Mittels Hirnstrommessungen konnte z. B. nachgewiesen werden: Wenn die Figur mit einem neuen Gegenstand hantiert, regt sich vermehrt der prämotorische Kortex, der für höhere geistige Leistung und Perspektivenwechsel wichtig ist.

Die Fähigkeit des Lesens ist eine Hochleistung unseres Gehirns, denn eigentlich ist es dafür nicht ausgelegt.

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Wer viel liest, sollte auf ausreichend Helligkeit und Pausen achten (Foto: picture alliance / photothek)

Während zum Beispiel Hören und Sehen auf einem genetischen Programm beruhen, das sich schon während der Embryonalentwicklung entfaltet und sich nach der Geburt nur noch verfeinern muss, ist uns das Lesen nicht von Geburt an mitgegeben – wir müssen es lernen. Und obwohl sich unser heutiges Gehirn biologisch nicht von dem der ersten Höhlenmenschen unterscheidet, können wir das, indem wir die bestehenden Hirnstrukturen anders nutzen als unsere Vorfahren.

Heute reagieren Neuronen, die ursprünglich für das Erkennen von Gesichtern und Formen und für die gesprochene Sprache zuständig waren, auf Schriftsysteme. Sie erkennen Buchstaben, setzen sie zu Wörtern zusammen und erschließen deren Bedeutung. Dieser Vorgang wird als Entschlüsselung bezeichnet: Wir erfassen Inhalte, die uns mit einem Schriftsystem zugänglich gemacht werden. Dieses System müssen wir aber erst erlernen. Und das sollten wir.

„Lesen und Schreiben sind Kulturtechniken, die wir für eine Teilhabe an der Gesellschaft unbedingt beherrschen müssen“, erklärt Dr. Theresa Hamilton (40), Mitgründerin und Leiterin des Grund-Bildungs-Zentrums Berlin. „Wir müssen lesen können, um im Alltag zurechtzukommen: Straßennamen, Anträge bei Behörden, Fahrkartenautomaten – das alles kann man sich nur lesend erschließen.“

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Erstklässler lernen mit verschiedenen Methoden lesen – und auch Erwachsene können noch Lesen lernen! (Foto: picture alliance / ZB)

Nicht jeder Erwachsene beherrscht diese Fähigkeit: Laut der „LEO 2018“-Studie von Bildungsforschern der Universität Hamburg können 12,1 Prozent der erwachsenen deutschsprachigen Bevölkerung nicht ausreichend lesen und schreiben. Zusätzliche 20,5 Prozent können nur ihnen bekannte, gebräuchliche Wörter lesen und schreiben.

„Das Thema ist stark tabuisiert, weil es oft zu Diskriminierung führt, wenn man sagt, dass man nicht gut genug lesen und schreiben kann“, weiß Hamilton aus ihrer Arbeit und macht Betroffenen Mut: „Es gibt Möglichkeiten für Erwachsene, das Lesen noch zu erlernen!“ Häufig sei es ein Motivationsschub für Eltern, wenn ihre Kinder zur Schule gehen und das Lesen und Schreiben lernen – wenn sie mithalten wollen, müssen sie es auch lernen!

Infos dazu gibt es auf www.grundbildung-berlin.de.

Dass sich Lesenlernen lohnt, egal in welchem Alter, zeigen wissenschaftliche Studien:

► Lesen verbessert die Beziehungsfähigkeit: Wer sich durch Geschichten mit unterschiedlichsten Meinungen und Ansichten beschäftigt, kann im Alltag besser auf den Partner eingehen. Grund dafür ist die durchs Lesen gesteigerte Empathiefähigkeit, wie Forscher der Universität Toronto belegten.

► Lesen steigert die Intelligenz: Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass durch Lesen neue Verknüpfungen im Gehirn entstehen, die neue gedankliche Dimensionen ermöglichen.

Mittels Magnetresonanztomografie konnten Forscher nachweisen: Das Gehirn eines Lesers unterscheidet sich von dem eines Nicht-Lesers, das eines guten Lesers von dem eines Anfängers.

► Lesen macht aufgeschlossen: Eine Studie des National Endowment for the Arts belegt, dass Menschen, die viel lesen, anderen Kulturen gegenüber offener sind, sie eher akzeptieren und positiver bewerten als Nicht-Leser.

Also: Planen Sie am besten noch für heute als krönenden Abschluss der Woche ein gemütliches Schmöker-Stündchen ein. Egal, ob mit oder ohne Kind.

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Lesen bildet (Foto: vaniato – stock.adobe.com ,)

Was macht unser Gehirn beim Lesen?

Es gibt im menschlichen Gehirn drei große Bereiche, die hauptsächlich für den Leseprozess verantwortlich sind. Alle drei befinden sich in der linken Hirnhälfte:

► Der okzipito-temporale Bereich übernimmt die visuelle Aufgabe, einzelne Buchstaben zu identifizieren.

► Der parieto-temporale Bereich ist dafür verantwortlich, einzelnen Buchstaben und Buchstabenkombinationen (zum Beispiel ei, pf, sch) einen bestimmten Laut zuzuordnen – das Schriftbild wird mit einem Klangbild verknüpft.

► Der anterior-präfrontale Bereich übernimmt die Bedeutungsanalyse: Er identifiziert, welchen InhaltBuchstabenkombinationen, das heißt Wörter, haben.

Diese drei Bereiche sind eng miteinander vernetzt, die Prozesse laufen mehr oder weniger parallel ab. Je erfahrener ein Leser ist, desto besser kann er aus dem Kontext heraus das nächste Wort vorausahnen und entsprechend schneller lesen.

Eine Quelle: www.bz-berlin.de

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