Nachruf auf Dimitri Wrubel : Bruderkuss-Maler und Meister des Zeitgeists

Nach Corona-Erkrankung: Der russische Maler Dimitri Wrubel ist im Alter von 62 Jahren gestorben.

Nachruf auf Dimitri Wrubel : Bruderkuss-Maler und Meister des Zeitgeists

Der Moskauer Maler Dimitri Wrubel beim Reinigen seines Bruderkuss-Wandbildes an der East Side Gallery 2014.Foto: Thilo Rückeis

Dimitri Wrubel malte 1990 den Bruderkuss auf die Berliner Mauer. Das Motiv wurde zum Symbol für Frieden, Liebe und Grenzüberschreitungen aller Art. Erich Honecker und Leonid Breschnew, die beiden Führer der sozialistischen Bruderparteien, drücken in dem Wandbild ihre fleischigen Lippen aufeinander, die Köpfe schräg gelegt, die Augen geschlossen.

Unzählige Touristen haben sich an der East Side Gallery vor diesem Motiv fotografiert, sich davor geküsst und umarmt. Der Bruderkuss auf grauem Mauerbeton wurde zum Wahrzeichen Berlins und ging um die Welt. Es gibt ihn auf Postkarten und T-Shirts. Wrubel hat das Bild ursprünglich selbst von einer Postkarte abgemalt. Diese zeigte Honecker und Breschnew in sozialistischer Umarmung anlässlich des 30. Jahrestag der DDR 1979.

Hätte Dimitri Wrubel ein Copyright auf sein Gemälde auf der Berliner Mauer gehabt, er hätte reich damit werden können. Dass es anders lief, fand er gut, so liest man es in Interviews. Als die East Side Gallery 2009 zum 20-jährigen Mauerfalljubiläum saniert wurde, hat Wrubel seine Bildikone neu gemalt. Drei Wochen dauerte es, das Mauersegment wieder mit den küssenden Politikern zu füllen.

Stoßgebete nach Corona-Erkrankung

„Mein Gott. Hilf mir. Diese tödliche Liebe zu überleben“, diese Worte rahmen auf Russisch und auf Deutsch das Mauerkunstwerk ein. Den Spruch bezog Wrubel damals auf eine persönliche Geschichte, seine zermürbende Liebe zu zwei Frauen. In den vergangenen Tagen haben nun Wrubels Freunde und Bekannte Stoßgebete für Wrubel zum Himmel geschickt, seine Frau Viktoria Timofejewa hatte in den sozialen Medien darum gebeten. Dimitri Wrubel ist vor einigen Wochen an Covid-19 erkrankt, musste künstlich beatmet und an die Dialyse angeschlossen werden. Infolge der Covid-19-Erkrankung kam es zu einem Herzleiden und einem Schlaganfall.

Nachruf auf Dimitri Wrubel : Bruderkuss-Maler und Meister des Zeitgeists

Küssendes Pärchen vor Wrubel berühmtem Kuss-Bild.Foto: Paul Zinken /dpa

In den Posts und Tweets aus Wrubels Umfelds ist zu lesen, dass niemand mit einem derart katastrophalen Krankheitsverlauf gerechnet hatte. „Ich werde ein bisschen Husten, ich habe leichtes Covid“, zitiert ihn eine befreundete Journalistin in einem Twitter-Post.

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Wrubel kam 1960 in Moskau zur Welt. Seine Eltern waren Ingenieure, er wuchs in einem intellektuellen, dissidentischen Haushalt auf. Bereits als Jugendlicher fing er an zu malen, studierte an der künstlerisch-graphischen Fakultät des Moskauer Lenininstituts. Wer in den 1970er und 1980er Jahren in der Sowjetunion ausstellen wollte, konnte es oft nur privat. So machte es auch Wrubel, er veranstaltete Ausstellungen in seiner Wohnung und im Atelier.

Im Wendejahr 1990 kam er nach Berlin, um an einer Ausstellung teilzunehmen. Als er von der Möglichkeit erfuhr, in der Mühlenstraße die Berliner Mauer zu bemalen, bewarb er sich bei der East Side Gallery mit zwei Motiven: „Bruderkuss“ und „Danke, Andrej Sacharow“, beide durfte er umsetzen und war damit einer von 118 teilnehmenden Künstlern. Politikerbilder hat Wrubel noch viele gemalt. Im fotorealistischen Comicstil verband er Politik und Privates auf der Suche nach universellen Wahrheiten, kombiniert mit literarischen und anderen Zitaten lieferte er oft satirische Kommentare auf die Gegenwart.

Im offenen Atelier konnte man Dimitri Wrubel beim Malen zuschauen

Seine Motive fand Wrubel, der auch im Duo mit Viktoria Timofejewa malte, in den Nachrichten oder im Netz. So malte er Waldimir Putin, Angela Merkel, Thilo Sarrazin aber auch Fotos privater Menschen ab, mit einem präzisen Gespür für den Zeitgeist. Seit 2010 lebte er mit seiner Familie in Berlin, lernte die langwierige Prozedur der Einwanderung kennen. Wer wollte, konnte ihm beim Malen über die Schulter schauen. Gemeinsam mit seiner Frau betrieb Wrubel auf dem Gelände der Kulturbrauerei ein offenes Atelier; „Bruderkunst“ haben sie es genannt.

Dass Dimitri Wrubel sich mit einem Open-Air-Kunstwerk auf der Berliner Mauer einen Namen machte, passt zu seiner radikal demokratischen Kunstauffassung: Kunst müsse für alle zugänglich sein, war sein Credo. Er verbreitete sein Kunst übers Internet, versteigerte sie für kleines Geld auf Facebook, druckte manches in hoher Auflage.

Kunst für alle, so steht es auch im Parteiprogramm der Piratenpartei, in die er und Timofejewa 2012 eingetreten waren. Wrubel nannte seinen Ansatz „Kunst 3.0“, Kunst sollte ein soziales Werkzeug sein, die Entwicklung Berliner Problemkieze ankurbeln, bei der Integration von Migrant:innen helfen. Nun wird seine Mission ohne ihn weitergehen müssen. Dimitri Wrubel ist gestorben.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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