Nachruf auf Jean-Louis Trintignant : Der grüblerische Engel

Jean-Louis Trintignant spielte melancholische Killer und introvertierte Liebhaber. Nun ist der französische Filmstar im Alter von 91 Jahren gestorben.

Nachruf auf Jean-Louis Trintignant : Der grüblerische Engel

Die französische Kinolegende Jean-Louis Trintignant stand in 140 Filmen vor der Kamera.Foto: imago images/Manfred Segerer

Diese sanfte Melancholie in den Gesichtszügen konnte Jean-Louis Trintignant auch in seinen härtesten Rollen nie ganz ablegen – ob als schweigender Rächer in dem Italo-Western „Leichen pflastern seinen Weg“, als soziopathischer Faschist in „Der große Irrtum“, Bernardo Bertoluccis definitivem Meisterwerk des europäischen Siebziger-Kinos, oder als Killer auf der Flucht in Jacques Derays Thriller „Brutale Schatten“. Trintignant war kein eiskalter Engel, er besaß auch nicht die unterkühlte, leicht abgehobene Makellosigkeit des jungen Alain Delon.

Doch es war alles andere als Zufall, als der österreichische Regisseur Michael Haneke auf ihn kam, als er vor zehn Jahren der französischen Nouvelle Vague mit „Liebe“ ein Alterswerk schenken wollte.

Am Freitag ist Jean-Louis Trintignant im Alter von 91 Jahren gestorben, und mit ihm verschwindet auch eine kultivierte Distinktion im französischen Kino, die eben ein Delon oder auch ein Depardieu, die beiden letzten lebenden Schwergewichte dieser stolzen Kinonation, nie verkörpert haben. Seine Melancholie war keine Pose.

Trintignant erzählte vor einigen Jahren in einem Interview, dass er schon als junger Mensch eine Todessehnsucht verspürt habe: „Ohne diese Verzweiflung wäre ich nicht Schauspieler geworden.“ Anfangs zieht es ihn allerdings zum Theater, diese Leidenschaft hat er bis ins hohe Alter nicht aufgegeben. Der schüchterne Trintignant hätte mit dem Kino allein nie glücklich werden können, er braucht den Zuspruch des Publikums.

Erster Auftritt als unbedarfter Liebhaber von Brigitte Bardot

Zum Kino kommt er eher durch Zufall, aber sein Auftritt als unbedarfter Liebhaber von Brigitte Bardot in Roger Vadims „Und immer lockt das Weib“ von 1956 öffnet ihm alle Türen; nicht nur seine Partnerin war hin und weg. Mit Bardot hat er eine kurze Liaison. Es dauert dann aber noch ein paar Jahre, bis er mit Anouk Aimée zu dem Liebespaar des französischen Kinos avanciert: im Nouvelle-Vague-Klassiker „Ein Mann und eine Frau“.

Er spielt darin einen Rennfahrer (Trintignants andere Leidenschaft), sie hat ihren Mann, einen Stuntman, bei einem Unfall verloren. Ihre zarte Annäherung wird von Francis Lais unwiderstehlicher Titelmelodie, halb Bossanova, halb Chanson, begleitet. „Die Musik trug uns“, erzählt Trintignant später. Er und Aimée führen vor der Kamera eine Choreografie auf.

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Die Rolle des kultivierten Grüblers und Draufgängers ist Trintignant wie auf den Leib geschrieben. Er entstammt einer Industriellenfamilie, ein wohlhabender Junge aus der Provinz, dem alle Türen offen stehen: Und dann will er ausgerechnet Rennfahrer werden. 1980 nimmt er sogar am 24-Stunden-Rennen von Le Mans teil, da ist er längst ein Filmstar mit Hollywood-Weihen, etwa in dem Polit-Thriller „Unter Feuer“. Ihm sind dann aber noch zwei Comebacks im europäischen Autorenkino vergönnt, das Trintignant so geprägt hat. 1994 ist er im dritten Teil von Krzysztof Kieslowskis „Drei Farben“–Trilogie als pensionierter Richter zu sehen, der in seiner Einsamkeit Schicksalswächter spielt. Und dann kommt 2012 „Liebe“, ein Altersdrama, mit dem Haneke sich auch vor seinen beiden Stars Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva verneigt.

Das Thema Vergänglichkeit, das ihn in seiner Arbeit begleitet (er kehrt noch zwei Mal zu seiner bekanntesten Rolle an der Seite von Anouk Aimée zurück, 1986 und zuletzt 2019 mit „Die schönsten Jahre eines Lebens“) hat auch Trintignants Privatleben erschüttert. 1970 stirbt seine neun Monate alte Tochter Pauline, 2003 wird Tochter Marie von ihrem Freund getötet. Er sei an jenem Tag gestorben, an dem Marie gestorben sei, hat er einmal gesagt. Er hat dann noch ein paar Jahre durchgehalten. Ganz sicher hat ihn auch die Schauspielerei gerettet.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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