Nachruf Rolf Kühn : Das Beste kommt noch

Eleganz und Abstraktion: Der Klarinettist Rolf Kühn war einer der international angesehensten deutschen Jazzmusiker seiner Generation.

Nachruf Rolf Kühn : Das Beste kommt noch

Mein Instrument ist meine Stimme. Der Klarinettist Rolf Kühn.Foto: Gregor Fischer dpa

Er war ein Glückskind vom charmanten Scheitel bis zur tänzerischen Sohle. Rolf Kühn wusste aber auch, welchen Widerständen er sein Glück abgerungen hatte. Am 29. September 1929 in Köln geboren und als Sohn einer jüdischen Mutter zusammen mit seinem Bruder Joachim in Leipzig aufgewachsen, bekam er die Rassenpolitik der Nazis früh zu spüren.

Der Vater, ein Zirkusartist, tourte durch die bekanntesten Varietés – ein Beruf, der eigentlich auch Rolf zugedacht war. Ihn aber zog es zur Musik hin und zur Klarinette. 1942 flog er als „Halbjude“ von der Schule und konnte seine musikalische Ausbildung nur im Verborgenen fortsetzen. Eine Tante und ein Onkel wurden nach Theresienstadt deportiert und in Auschwitz ermordet.

Wie er die finstere Zeit hinter sich ließ und zu einem der international bekanntesten deutschen Jazzmusiker seiner Generation wurde, lässt sich so nicht mehr nachmachen und nötigt einem doch schon in der stilistischen Breite, die er entwickelte, Bewunderung ab: Von Swing über Easy Listening bis zu freien Formen blieb Kühn nichts fremd.

Müde vom Rat Race in den USA

1950 verließ er die DDR und schloss sich als 1. Saxofonist dem RIAS-Tanzorchester an. Sechs Jahre später ging er in die USA, um im Mutterland des Jazz Karriere zu machen, kehrte aber 1962, frustriert vom amerikanischen rat race, als Leiter des NDR-Fernsehorchesters nach Deutschland zurück und lernte bei Charles Mackerras dirigieren.

In „Brüder Kühn“, einem Doppelporträt von Rolf und Joachim Kühn, dem großen Pianisten, das Stephan Lamby vor drei Jahren zum 90. Geburtstag des Klarinettisten drehte, sieht man ihn noch einmal vor dem New Yorker Birdland stehen – und vor dem Haus, in dem er einst zusammen mit einer versoffenen Billie Holiday wohnte. Dinge, die er nie vergaß, und die ihn auch noch in dem bürgerlichen Leben, das er als Theatermusiker und Auftragskomponist führte, mit jenem anarchischen Geist verbanden, der sich Anfang der 1960er Jahre ausbreitete.

Rolf Kühns erster Gott war Benny Goodman, in dessen Band er später auch zwei Jahre lang spielte. Für die kühle Eleganz, die er in seinem Spiel pflegte, war dies aber kein Grund, nicht auch andere Götter neben Goodman zu haben. 1966, als er zusammen mit Joachim bei den Berliner Jazztagen auftrat, hatten John Coltranes sheets of sound schon deutliche Spuren hinterlassen.

Ekstatisch in Newport

Ekstatisch wurde es 1967 beim Newport Jazz Festival, bei dem auch Coltranes Bassist Jimmy Garrison mit von der Partie war. Rolf Kühns Klarinette erreicht hier mitunter ein Volumen und eine Schärfe, die ihn, mit dem Klavier des Bruders im Rücken, bis an die Grenze eines kompromisslosen Free Jazz wehen.

Das Konzert in Newport wurde zum Präludium für die Suite „Impressions of New York“, die die Brüder im selben Jahr für das Label Impulse einspielten – eine posthume Würdigung von Coltrane, den sie in der St. Patrick’s Cathedral aufgebahrt gesehen hatten. Aber auch Coltranes Altsaxofon spielender Antipode Ornette Coleman mit seinen Harmolodics rangierte hoch in seinem Universum. Rolf Kühn hat im Lauf der Jahre wie sein berühmter Kollege Jimmy Giuffre den gesamten Ambitus zwischen melodisch schnurrender Verführung und vollkommener Abstraktion ausgemessen.

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Damit stand er fast bis zum letzten Atemzug auf der Bühne: nicht als Denkmal seiner selbst, sondern als jemand, der den Anschluss zu den Jüngeren im selben Maße suchte wie diese zu ihm. Man könnte glatt behaupten, dass er im Alter mehr bei sich war als je zuvor.

Das Quartett mit Schlagzeuger Christian Lillinger, Gitarrist Ronny Graupe und Bassist Johannes Fink war dabei das stachligere und schroffere Ensemble; dasjenige mit Pianist Frank Chastenier, Bassistin Lisa Wulff und dem Perkussionisten Tupac Mantilla die für Songs und Melodien entzündbarere Formation. In der Dichte des improvisierenden Miteinanders waren sie gleichauf.

Noch für den kommenden Monat waren mehrere Konzerte angesetzt – darunter eines mit seinem so ungleichen Bruder Joachim, mit dem ihn doch tiefe Zuneigung und ein inniges musikalisches Verständnis verband. Rolf Kühns Tod am vergangenen Donnerstag hat diese Pläne nun vereitelt.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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