Peter Kurzeck und sein Roman “Und wo mein Haus?” : Immer schneller die Zeit

„Und wo mein Haus?“, der achte Teil von “Das alte Jahrhundert” und dritte Roman aus dem Nachlass des grandiosen Schriftsteller Peter Kurzeck.

Peter Kurzeck und sein Roman "Und wo mein Haus?" : Immer schneller die Zeit

Alte Schwingtür im Bahnhof Gießen, einem Keilbahnhof aus dem Jahr 1850. Peter Kurzeck ging hier ein und aus.Foto: imago images/Kraft

Dieser Roman von Peter Kurzeck, der dritte aus seinem Nachlass, der achte Teil seines Großprojekts „Das alte Jahrhundert“, ist in ein düsteres Licht getaucht, gerade im Vergleich zu dem so herrlich sonnendurchfluteten Vorgängerband „Der vorige Sommer und der Sommer davor“.

Das Dunkel der Nachkriegszeit, das der mittleren sechziger Jahre, scheint hier zu dominieren. Kurzeck beginnt mit einer Zugfahrt von Frankfurt nach Gießen, mit dem Bahnhof in Frankfurt und dann dem in Gießen, wo man ankommt und „nichts stimmt“.

Schwarz sei ihm dieser Gießener Bahnhof seit seiner Kindheit vorgekommen: „Aus der Kaiserzeit. Ein Bahnhof aus ungefügem rußig schwarzen Gestein. Mit einem Turm. Ein Turm mit vier mondgleichen Bahnhofsuhren. Und wie schwarz, ernst und eindringlich dieser Turm mich immerfort ansah.“

Doch es ist nicht nur der Bahnhof mit seiner Düsternis, auch später spricht er vom „Dämmerungsgrau“, „diesen nasskalten grauen Werktagmorgen“, von der gleich „ganz grauen Welt“, von Trümmerlandschaften und Schwarzmärkten.

“Vorabend” war für den Deutschen Buchpreis nominiert

Das Ich, das hier erzählt, kommt, wie so oft bei diesem Schriftsteller, fast unvermittelt, Zeiten und Räume werden da mitunter bruchlos miteinander verfugt. Ja, Kurzeck fragt sich einmal auch, wer denn von ihm immer in der dritten Person spricht.

Auf der Gegenwartsebene ist es das Jahr 1982. Kurzeck, vielmehr: sein Erzähler ist mit seiner Freundin Sibylle und Tochter Carina zu Besuch bei Jürgen und Pascale in Frankfurt-Eschersheim, bei dem befreundeten Paar, das vor hat, ins südfranzösische Barjac auszuwandern und dort ein Cáfé zu betreiben. Und Kurzeck erzählt und erzählt, wie es seine Art ist, um der Zeit ein Schnippchen zu schlagen, „ihr wisst ja, die Zeit“: „Immer schneller die Zeit. Und nimmt alles.“

Als er 2013 starb, hatte Peter Kurzeck seinen Kampf gegen die Zeit verloren und „Das alte Jahrhundert“ nicht mehr vollenden können. „Vorabend“, der fünfte Band dieses auf zwölf Bände angelegten autobiografisch-poetischen Zyklus’, war der letzte, der noch zu seinen Lebzeiten erschien.

Mit über tausend Seiten hatte Kurzeck dieses Buch kaum gebändigt bekommen; trotzdem trug ihm nach vielen Jahren am Rand des Literaturbetriebs und Ewiger-Geheimtipp-Daseins die Veröffentlichung von „Vorabend“ 2011 Ruhm und Ehre ein: Nicht nur für den Deutschen Buchpreis war der Roman nominiert worden, auch Rufe nach dem Büchner-Preis erschallten laut.

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„Und wo mein Haus?“ ist gewissermaßen ein Exzerpt aus „Vorabend“. Kurzeck hat, so berichtet es sein treuer Herausgeber Rudi Deuble im Nachwort, die Kapitel 37 bis 40 aus dem „Vorabend“–Manuskript gelöst und mit zahlreichen weiteren Notizen für eben diesen achten „Das-alte-Jahrhundert“–Band zurückgelegt. Von den vier fertigen Kapiteln des Romans sind es vor allem die ersten drei, die die Genese erkennen lassen mit Gießen im geografischen Zentrum.

Peter Kurzeck und sein Roman "Und wo mein Haus?" : Immer schneller die Zeit

Der Autor Peter Kurzeck, aufgenommen im Jahr 2000 in Frankfurt am Main.Foto: Arne Dedert/dpa

Kurzeck beschreibt den Bahnhof, wie er sich ihm als Kind und Mittzwanziger dargestellt hat; er erinnert sich, wie er fünfjährig mit seiner Mutter durch die Ruinen geht, da befinden wir uns im Jahr 1948; und er blendet noch weiter zurück nach Staufenberg, wohin er mit seiner Schwester und der Mutter als Dreijähriger aus dem böhmischen Tachau geflüchtet ist. Auch der Vater kehrt später aus dem Krieg zurück, „Faust“ lesend.

Was Kurzeck hier an Erinnerungsarbeit leistet, ist einmal mehr grandios, bei allen sicher auch fiktiven Anreicherungen, all das in seinem bekannt kurzatmigen Prosasound mit den vielen elliptischen Sätzen, den popistischen Aufzählungen, den rhythmischen Redundanzen.

So dicht und gedrängt vermag kaum jemand aus der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur bestimmte Zeiten und Gegenden wiederzubeleben, das ist einzigartig. Die Zeit hat sicher manches Duell gegen Kurzeck auch verloren.

Es geht viel um die fremdländischen Soldaten der US Army

Als er und seine Mutter 1948 in Gießen dann auf „einem ordentlichen kleinen Platz“ verweilen, „bei dem die meisten Häuser fehlen“, und sich umschauen, wer sonst so auf den Bänken sitzt, kommt Kurzeck praktisch übergangslos zu seinem vermutlich zentralen Thema für „Und wo mein Haus?“, das er mitunter das „LSC-Buch“ nannte: zu den Soldaten, die Gießen zu jener Zeit bevölkerten.

Und zu denen, die Mitte der sechziger Jahre noch in der Stadt waren und für die Labor Service Companies der US Army arbeiteten, für deren zivile Arbeitskompanien. Kurzeck arbeitete für diese selbst „zehn lange unbegreifliche Jahre“, von 1961 bis 1971.

Sein Augenmerk liegt vor allem auf jenen Angehörigen der US Army, die wie er selbst aus Osteuropa stammen. Es sind ehemalige Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, die zunächst nach Kriegsende ein im Vergleich zur Zeit davor schönes Leben führen, mit den Jahren aber ihre Perspektiven verlieren.

Der Titel „Und wo mein Haus?“, ein Zitat aus der ersten Strophe der tschechischen Nationalhymne, bezieht sich auf die schwierige Lage dieser Personengruppe, die zu den „Displaced Persons“ gezählt wurde.

In der Genauigkeit, mit der hier der Kasernenalltag beschrieben wird und was mit diesen „Randfiguren mit Eigenheiten“ fürderhin passiert, hat das mitunter etwas Zähes. Doch ist es wiederum verdienstvoll, dass Kurzeck sich überhaupt diesem unbekannten Kapitel der Nachkriegsgeschichte gewidmet hat.

Dass er davon abkommt, er sich wieder eigenen Erinnerungen aus Kindheit und Jugend zuwendet, davon zeugen die Notizen und Dokumente, die Deuble „Und wo mein Haus“ mitgegeben hat. Viele davon sind kleine, wunderbare Prosastücke, in denen der ganze Kurzeck steckt. „Gibt es die Pflaumenbäume noch?“, lautet ganz am Ende eine Frage. „Am Bahnübergang bei der Tankstelle, wie sie blühen. So hast du als Kind die Zukunft gespürt.“ Und schon ist sie wieder vorbei, diese Zukunft, die Zeit gewinnt am Ende immer. Das Werk von Peter Kurzeck jedoch wird noch eine ganze Weile bleiben.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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