Premiere am Maxim Gorki Theater : Von Trollfabriken und Germany’s next Bundeskanzler

Die große Gedankenvernebelung: Yael Ronens und Dimitrij Schaads Stück „Operation Mindfuck“ handelt von Verschwörungstheorien.

Premiere am Maxim Gorki Theater : Von Trollfabriken und Germany's next Bundeskanzler

Da klingelt was. Projektion auf den Bühnenvorhang mit Tim Freudensprung.Foto: Ute Langkafel, Maifoto

Die große Weltverschwörung beginnt als Nebenjob einer Kulturjournalismus-Studentin: Alice, angemessen hochtourig gespielt von Aysima Ergün, landet in Yael Ronens und Dimitrij Schaads neuem Stück „Operation Mindfuck“ auf Vermittlung ihrer Freundin Maze (Maryam Abu Khaled) in einer Trollfabrik. Schnell beweist sie in der Kreation maximal abseitiger Fakenews überdurchschnittliches Talent: Finnland? Eine Erfindung der Japaner, um das Meer leerfischen und dann die Wale über die Transsibirische Eisenbahn nach Japan transportieren zu können, getarnt als Nokia-Produkte.

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Kein Wunder, dass sich die Trollfabrik-Chefin Erin begeistert zeigt und mit Alice Großes plant: Schon bald bekommt sie den Auftrag, „Tom Hanks mit 9/11, Covid-19 mit der Vatikanbibliothek, George Soros mit den Pyramiden, das Weltwirtschaftsforum mit pädophilen Reptiloiden“ – kurz: alles mit allem zur ultimativen, weltumspannenden Verschwörungstheorie zu verbinden.

Die Trollfabrik-Chefin gleicht der antiken Göttin der Zwietracht

Erin blickt freilich selbst auf eine höchst nebulöse Herkunft zurück: Orit Nahmias spielt diese Trollfabrik-Lady in Red als Wiedergängerin von Eris, der Göttin der Zwietracht aus der griechischen Mythologie, jener Streit-Ikone mit dem sprichwörtlich gewordenen „Zankapfel“ in der Hand.

Die war zu Beginn von „Operation Mindfuck“ zwei spätpubertierenden Jungs auf einem ausgereiften LSD-Trip erschienen; einer davon Kerry Wendell Tornley, der Mitbegründer des Diskordianismus. (Ja, der Abend liefert auch seinen kleinen historischen Abriss zum großen Thema, und zwar im kabarettistischen Schnelldurchlauf.)

Regisseurin und Autorin Yael Ronen, die soeben mit ihrem großen Diskursmusical-Wurf „Slippery Slope“ zum Theatertreffen eingeladen war, und Schauspieler Dimitrij Schaad, ehemals Ensemblemitglied am Gorki, legen mit „Operation Mindfuck“ bereits ihr zweites gemeinsames Stück vor.

Hirn-Manipulation over the top – alles wird mit allem verquirlt

Nach der Digitalisierungsbestandsaufnahme „Revolution. Eine Anleitung zum Überleben im 21. Jahrhundert“, die 2020 am Hamburger Thalia Theater herauskam, machen sie es sich mit „Operation Mindfuck“ zum Programm, im Sinne der titelgebenden Hirn-Manipulation so over the top wie irgend möglich jeden erdenklichen Verschwörungsgedanken mit jedem zu verquirlen, zu einem einzigen „Mindfuck“ eben, der seinen Inhalt selbst performativ vorführt.

Damit diese von Ronen inszenierte Gedankenvernebelungsgroteske gar nicht erst in die Nähe etwaiger Realitätsanspruchsmissverständnisse gelangen kann, bedient sie sich bewusst grob humoristischer Mittel – stets getragen vom Kernsatz: „Da klingelt was bei Leuten, aber nicht zu viel.“

Der Typ heimste frühen Ruhm als Gesicht der Kinderschokolade ein

Den spricht der Politikberater Maximilian de Kohler (Taner Tahintürk), der im Stück auf einer zweiten Ebene unterwegs ist, nicht nur genüsslich aus, sondern er führt ihn auch beispielhaft vor. Max sucht gleichsam Germany’s next Bundeskanzler und findet ihn in einem ausgesuchten Blödmann, den Till Wonka auf die Bretter sächselt: ein Typ, der, wie es heißt, frühen Ruhm als Gesicht der Kinderschokolade einheimste, später im Zusammenhang mit einer Castingshow als „Pimmelpianist“ viral ging und sich schließlich als provinzieller Einsiedler in den Wald zurückzog. Da „klingelt“ in der Tat diffus so ziemlich jede Assoziation von Pegida über Donald Trump bis zu Cambridge Analytica.

[Wieder am 6.6. und 2.7.]
„Operation Mindfuck“ ist kein Abend, der über Verschwörungstheorien aufklären, sondern sie mit Verve und nicht unbedingt subtilem Witz vor- und somit ad absurdum führen will. Erkenntnisgewinn steht mithin nicht im Vordergrund. Stattdessen gibt es viel zu lachen – jedenfalls für Freunde des Hardcore-Humors.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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