„Quo vadis Aida?“ : Bewegendes Filmdrama über den Völkermord von Srebrenica

Jasmila Žbanić rekonstruiert in ihrem erschütternden Kriegsdrama „Quo vadis Aida?“ den Genozid, der 1995 im bosnischen Serbrenica an muslimischen Männern und Jungen verübt wurde.

„Quo vadis Aida?“ : Bewegendes Filmdrama über den Völkermord von Srebrenica

Aida (Jasna Đuričić, rechts) war Lehrerin, jetzt übersetzt sie für die niederländischen UN-Soldaten.Foto: Christine A. Maier/Deblokada

Der General schreitet durch die besiegte Stadt. Er gratuliert seinen Männern, schnauzt ein paar Befehle in die Runde, lässt hier eine Fahne herunterreißen und dort ein Straßenschild. Der eingeknickte Turm einer Moschee dient ihm als Hintergrund, als er stolz vor eine Fernsehkamera tritt: „Hier sind wir im serbischen Srebrenica am 11. Juli 1995“, sagt Ratko Mladić (Boris Isaković). „Wir schenken dem serbischen Volk diese Stadt.“

Mladić hat diese Ansprache – sie geht noch etwas länger – tatsächlich gehalten. Zwar nicht vor einem zerstörten Minarett wie in Jasmila Žbanićs Drama „Quo vadis Aida?“ , sondern vor einem ausgebombten Kaufhaus. Doch man kann den im Internet leicht auffindbaren Aufnahmen seines Srebrenica-Auftritts entnehmen, wie nah die Regisseurin sich in ihrem fünften Spielfilm an den historischen Ereignissen orientiert.

Bekannte Fakten lösen noch einmal Fassungslosigkeit aus

Der Fall von Srebrenica war der Auftakt zu unfassbar grausamen Massakern, bei denen an diesem und den folgenden Tagen über 8000 muslimische Bosnier – Männer und Jungen – von bosnisch-serbischen Truppen getötet wurden. Das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag hat dies als Völkermord eingestuft – der erste auf europäischem Boden nach 1945 – und Ratko Mladić zu lebenslanger Haft verurteilt.

In Bosnien und Herzegowina wird bis heute nach Überresten der Getöteten gesucht. In diesem Jahr konnten 19 identifizierte Opfer auf dem Friedhof der Gedenkstätte in Potočari unweit von Srebrenica beigesetzt werden. Dies geschieht stets am 11. Juli. Das Datum ist tief im kollektiven Bewusstsein des Landes eingebrannt, jenseits der ex-jugoslawischen Sphäre verbindet man damit jedoch kaum etwas.

Das könnte Žbanić Film, der vergangenes Jahr im Venedig-Wettbewerb lief und für einen Oscar nominiert war, jetzt zumindest bei einem Teil des Kinopublikums ändern. Denn „Quo vadis Aida?“ ist ein durch seine sachliche, aber dennoch einfühlsame Erzählweise ungemein bewegender Film. Selbst lange bekannte Fakten lösen noch einmal Fassungslosigkeit aus, wenn man sie so hart und deutlich vor Augen geführt bekommt wie von Žbanić.

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Sie erzählt aus der Perspektive der bosniakischen, also muslimischen, Lehrerin Aida (gespielt von der Serbin Jasna Djuričić), die auf der UN-Basis in Potočari als Übersetzerin einer niederländischen Einheit arbeitet, als dort die flüchtenden Menschen aus Srebrenica ankommen. Einige tausend werden eingelassen, dann geht die Schranke runter.

Aida sucht unter den Ankommenden nach ihrem Mann und ihren beiden Söhnen. Drinnen sind sie nicht, weshalb sie auf einen Panzer klettert, um sich Überblick über die Menge zu verschaffen. Die nächste Totale ist ein kurzer Schockmoment: Bis zum Horizont drängen sich die Menschen dicht an dicht.

Es gelingt Aida, ihre Familie zu finden und sie sogar auf die Basis zu bringen. Dass sie dabei ihre Nähe zu den UN-Soldaten ausnutzt, erscheint zwar egoistisch, ist aber nachvollziehbar. Die Identifikation mit ihr führt nicht dazu, dass die Leiden der anderen Geflüchteten vergessen werden oder kleiner erscheinen.

Žbanić hält sie immer präsent, etwa wenn die Kamera langsam durch die Reihen der Menschen vor der Basis wandert: Frauen mit Kopftüchern, ein alter Mann, im Gras lümmelnde Jungs, eine Frau, die Wäsche in einer Plastikschüssel wäscht. Niemand spricht ein Wort, nur die Grillen zirpen. Man meint die Hitze zu spüren.

In der einzigen Rückblende des Films, die auf einem Fest im Jahr 1992 spielt, sieht man ebenfalls Nahaufnahmen von Bürger*innen aus Srebrenica. Allerdings kommen sie frontal und würdevoll in den Blick der statischen Kamera, während sie einen Kolo tanzen. Inmitten der ausgelassenen Feier sitzen auch zwei finstere Gestalten, deren erhobene Schnapsgläser mehr wie eine Drohung denn wie ein freundliches Prost aussehen.

[In sechs Berliner Kinos, auch OmU]

Dieses „Die Mörder sind unter uns“-Motiv durchzieht den gesamten Film von Jasmila Žbanić, die den Bosnienkrieg als Teenager im belagerten Sarajevo überlebte und sich nach „Grbavica“ und „For Those Who Can Tell No Tales“ zum dritten Mal mit dieser Zeit beziehungsweise ihren Folgen auseinandersetzt. „Quo vadis Aida?“ ist in jeder Einstellung anzumerken, wie wichtig der Regisseurin und Drehbuchautorin das Thema ist.

Dazu gehört auch, dass sie weder die Serben übermäßig dämonisiert, noch es sich mit der UN-Einheit zu einfach macht. Die Niederländer wurden – das haben spätere Untersuchungen gezeigt – von den Vereinten Nationen weitgehend im Stich gelassen. So sieht man den Kommandeur Karremans (Johan Heldenbergh) wiederholt am Telefon die Luftschläge anfordern, die der serbischen Seite in einem Ultimatum angedroht worden waren. Vergeblich.

UN-Kommandeur Karremans verschwindet einfach

Wie hoffnungslos überfordert das Dutchbat war und wie skrupellos die serbischen Paramilitärs, symbolisiert eine Szene am Schlagbaum der Basis, der von zwei Blauhelmen in kurzen Uniformhosen- und Hemden bewacht wird. Der serbische Kämpfer Joka (klug besetzt mit dem beliebten bosniakischen Schauspieler Emir Hadžihafizbegović), lässt sie aussehen wie kleine Schuljungs und erzwingt eine Waffen-Durchsuchung bei den Geflüchteten auf der Basis.

Von da ist es dann nicht mehr weit bis zur Trennung der Frauen und Kinder von den Männern sowie dem Abtransport in Bussen – direkt vor der Basis unter den Augen der UN. Nicht zu erkennen ist hier „ein inakzeptables Maß an Verständnis für die Niederländer“, das Hasan Nuhanović (auf seinem Erfahrungsbericht „Under the UN-Flag“ beruht der Film) Žbanić vor einem Jahr in der „FAZ“ vorwarf. Zumal sich Karremans bei ihr irgendwann einfach einschließt und nicht mehr auftaucht.

Aida kämpft derweil mit allen Mitteln darum, ihre Familie im Schutz der UN zu evakuieren. Ihre Verzweiflung, ihre Hilf- und Machtlosigkeit spiegeln, was zehntausende muslimischer Bosnier*innen in diesen heißen Juli-Tagen durchmachten. „Quo vadis Aida?“ setzt ihnen und den Toten ein filmisches Denkmal.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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