Seltene Rohstoffe : Europa sucht nach neuen Quellen

Der Krieg in der Ukraine lenkt den Blick auf die Abhängigkeiten der Industrieländer von Staaten wie Russland und China – und auf die Alternativen.

Seltene Rohstoffe : Europa sucht nach neuen Quellen

Dringend benötigt. Lithium wird für die Herstellung von Batterien gebraucht.Foto: imago images/Rupert Oberhäuser

Ein Stopp an der Tankstelle ist im Moment ein Schockerlebnis. Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist der Benzinpreis regelrecht explodiert und erscheint inzwischen wie eine nervöse Fieberkurve, die sich an den blutigen Ereignissen im Krieg orientiert. Für die Verbraucher offensichtlich wurde die über Jahre ignorierte große Abhängigkeit Europas von russischen Öl- und Gaslieferungen. Nun tobt ein Streit darüber, wie und wie schnell dieser Zustand beendet werden kann.

Der Preis an der Zapfsäule ist allerdings nur eine, aber sehr sichtbare Seite dieses Krieges, der die politische und wirtschaftliche Architektur der ganzen Welt verändern wird. Im Hintergrund läuft eine Entwicklung, die den Fachleuten weit größere Sorgen bereitet, bei der ebenfalls wichtige Rohstoffe im Zentrum stehen.

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Für Elektroautos, Solarzellen und Micro-Chips werden Industriemetalle und Seltene Erden gebraucht. Viele dieser Materialien werden etwa in Russland oder China abgebaut, zwei Länder, die inzwischen nicht mehr als Partner, sondern als Gegner betrachtet werden müssen. Zumal beide Regierungen offen sichtlich bereit sind, wirtschaftliche Abhängigkeiten gezielt politisch einzusetzen. Auch die technische Entwicklung arbeitet gegen große Industrienationen wie Deutschland, Digitalisierung und Energiewende werden den Rohstoffhunger weiter antreiben.

Titan und Nickel kommt zum Großteil aus Russland

Nicht zuletzt aus diesem Grund unterstreichen Experten, dass es unmöglich ist, völlig auf die Versorgung mit Seltenen Erden aus problematischen Ländern zu verzichten. So bezieht Deutschland den weitaus größten Teil seines Bedarfs an Titan und Nickel aus Russland. Dasselbe gilt für Palladium, ein wichtiges Metall für Autokatalysatoren. Bei 19 der 30 Rohstoffe, die von der EU als „kritisch“ eingestuft werden, ist China der Hauptlieferant.

Das Thema hat längst die obersten Ebenen der Europäischen Union erreicht. Den 27 Staats- und Regierungschefs war es nach einem Treffen in Versailles vor wenigen Wochen sogar so wichtig, dass es in das Abschlusspapier aufgenommen wurde. „Wir werden das Angebot in der EU durch strategische Partnerschaften, strategische Vorratshaltung, Recycling und Ressourcen-Effizienz sichern“, heißt es dort. Erstes Ziel der Kommission ist es, einen Vorrat an kritischen Rohstoffen aufzubauen. Dazu sollen neue Verträge mit Kanada, Norwegen oder auch Grönland geschlossen werden. Die deutsche Europaabgeordnete Hildegard Bentele (CDU) will noch weitergehen und fordert „eine EU-Taskforce, welche die Koordinierung rohstoffpolitischer Aktivitäten übernimmt“.

Warum nicht in der EU Rohstoffe abbauen?

Als Berichterstatterin des Parlaments für die Europäische Strategie für kritische Rohstoffe befürwortet sie auch einen verstärkten Abbau der begehrten Rohstoffe in Europa selbst. Statt in Drittländern unter menschenunwürdigen Bedingungen die Materialien zu schürfen, könnte etwa Deutschland im eigenen Land nachhaltige und umweltschonende Bergbau-Projekte fördern, „die weltweit Schule machen und Standards prägen“.
Bisher wurde von den Investoren wegen der zu erwartenden Probleme in Deutschland allerdings ein großer Bogen um solche Projekte gemacht. Aber auch in anderen Ländern gibt es große Widerstände. In Spanien regten sich massive Proteste, als in der armen Region Estremadura Lithium abgebaut werden sollte. Auch in Serbien und Portugal wehrten sich die Menschen gegen ähnliche Projekte. Hildegard Bentele fordert deshalb, dass bei der Klima- und Umweltpolitik in Zukunft auch verstärkt die Industriepolitik mitgedacht werden müsse.

Auch Ressourcen-Effizienz ist wichtig

Die Europaparlamentarierin betont allerdings auch, dass nicht nur die Erschließung neuer Rohstofflieferanten wichtig sei. Sie will „in Zukunft auch verstärkt auf Abfallmanagement, Ressourcen-Effizienz, Recycling und Substitution setzen“. Das ist auch im Sinne der Autoindustrie, wo betont wird, dass der Recycling-Anteil an der Produktion ständig zunehme. Das ist wichtig, da die Abhängigkeit von seltenen Rohstoffen mit dem Ausbau der E-Mobilität stark zunehmen wird. Beim Recycling ließen sich zum Beispiel Stoffe wie Nickel, Kobalt und Kupfer hochwertig zurückgewinnen, heißt es bei Mercedes-Benz.

Damit könnten die Umweltauswirkungen etwa künftiger Batteriesysteme deutlich verringert werden. Gearbeitet wird nach Angaben des Stuttgarter Autobauers allerdings auch schon an den nächsten Generationen von Batterien, bei denen der Anteil kritischer Materialen deutlich geringer sein soll. So werde der Kobaltanteil bereits bei den kommenden Entwicklungsstufen von Batteriezellen auf weniger als zehn Prozent reduziert. Das langfristige Ziel sei, durch Post-Lithium-Ionen-Technologien mit neuen Materialzusammensetzungen ganz auf Materialien wie Kobalt verzichten zu können. In einer durchschnittlichen Lithium-Ionen-Batterie stecken rund 35 Kilogramm Nickel und bis zu zwölf Kilogramm Kobalt und Lithium.

Die Industrie arbeitet an neuen Batterien

Der Volkswagen-Konzern geht in dieselbe Richtung. „Wir arbeiten an einer anderen Batteriechemie, um die Abhängigkeit von Nickel zu reduzieren“, erläuterte Vorstandschef Herbert Diess kürzlich auf der VW-Bilanzpressekonferenz. Weil Nickel teuer ist und Kobalt oft unter menschenunwürdigen Bedingungen gewonnen wird, favorisiere Volkswagen statt Lithium-Nickel-Mangan-Kobalt-Batterien für viele Modelle Lithium-Eisenphosphat-Batterien. Das Problem ist, dass sie nicht so leistungsfähig sind, in ihnen aber weder Nickel noch Kobalt verbaut wird. Diese Art von Batterien wird bereits in den Fahrzeugen von Tesla eingesetzt.

Der Mangel an wichtigen Rohstoffen sei für die Verbraucher nicht so schnell spürbar wie an der Zapfsäule, erklären Autoexperten. Branchenkenner wie Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management erwarten im Automobilbereich mittelfristig allerdings steigende Preise und längere Wartezeiten bei Neuwagen, was schließlich auch den Ausbau der Elektromobilität bremsen könnte.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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