Tag 107 des russischen Angriffskriegs : Diese Zahlen aus der Ukraine sollte Scholz kennen

Berlin bleibt vage bei Zeitpunkt für Waffenlieferungen. Lawrow nennt Todesurteile Sache von Donezk und weitere Entwicklungen des Tages. Der Überblick am Abend.

Tag 107 des russischen Angriffskriegs : Diese Zahlen aus der Ukraine sollte Scholz kennen

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD).Foto: Michael Kappeler/dpa

Während Putin Fakten schafft, verliert sich Berlin in den Planungen zu den Waffenlieferungen: „Da laufen jetzt die Vorbereitung auf Hochtouren, dass das gehen kann. Aber sowas passiert nicht von heute auf morgen“, gab Regierungssprecher Steffen Hebestreit heute bekannt.

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Die Aussage verwundert angesichts der zunehmend prekären militärischen Lage der Ukraine. Wenn bekannt ist, dass sowas „nicht von heute auf morgen“ geht, hätte man dann nicht früher beginnen müssen? Jetzt erst laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren? Zur Erinnerung: Zugesagt sind die Lieferung teilweise seit Wochen (hier alle Details dazu).

Während Berlin die Hilfen im Ungefähren lässt, weiß die Ukraine sehr genau, was sie braucht (und verbraucht): 

  • Demnach gehen die Vorräte an Munition für die sowjetischen Artilleriesystem zur Neige. Nachschub kommt noch aus Osteuropa. Sind die Bestände dort aufgebraucht, steht die Ukraine blank da.
  • Bis zu 6000 Artilleriegeschosse verbraucht die Ukraine täglich. Zur Einordnung: Aktuell sind in den Lieferungen der westlichen Staaten an die Ukraine weit weniger als 100.000 Artilleriegeschosse enthalten. 
  • Auf rund 1500 russische Artilleriesysteme insgesamt, die in der Ukraine im Einsatz sind, kommen 150 ukrainische. Etwas mehr als 150 Geräte haben westliche Staaten (die USA, UK, Frankreich, Polen und Norwegen) bisher geliefert. 
  • Die Ukraine braucht 60 neue Mehrfachraketenwerfer, um gegen die russischen Truppen ankommen zu können. Zugesagt aus dem Westen sind aber bisher weit weniger als zehn. 

Diese Zahlen stammen unter anderem vom Vize-Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes Vadym Skibitsky. Erhalten hat die Ukraine neben den 150 Artilleriesystemen laut Verteidigungsminister Olexij Resnikow: 50 Artilleriesysteme mit kleinerem Kaliber, Dutzende Raketenwerfer sowjetischen Typs, Hunderte Mörser, Hunderte Panzer sowjetischer Bauart, etwa 250 westliche gepanzerte Fahrzeuge, Tausende tragbare Flugabwehr- und Panzerabwehrsysteme, Granatwerfer und Hunderte Drohnen. 

Trotz dieser Masse an Gerät ist die Ukraine Russland immer noch heillos unterlegen beim Material. Den Regierungen im Westen muss klar sein, dass sie noch sehr viel mehr Hilfe aus dem Westen brauchen wird, um zu bestehen.

DIE WICHTIGSTEN NACHRICHTEN DES TAGES IM ÜBERBLICK

  • Die Chemiefabrik Asot in der schwer umkämpften ostukrainischen Stadt Sjewjerodonezk ist Angaben prorussischer Separatisten zufolge vollständig umzingelt. Alle Fluchtwege seien abgeschnitten, schrieb der Botschafter der selbst ernannten Volksrepublik Luhansk in Moskau. Mehr dazu in unserem Newsblog.
  • Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj würdigt bei einem Besuch des britischen Verteidigungsministers Ben Wallace die Ukraine-Politik der Londoner Regierung. Großbritannien zeige Führungsstärke und unterstütze sein Land im Kampf gegen die russische Invasion.
  • Bundesagrarminister Cem Özdemir hat der Ukraine deutsche Hilfe zum Aufrechterhalten der Landwirtschaft und von Exporten trotz des Krieges zugesichert. „Der Erfolg der ukrainischen Landwirtschaft ist nicht nur für die Ukraine wichtig, er ist für uns alle wichtig“, sagte er.
  • Der russische Außenminister Sergej Lawrow bezeichnet die Todesurteile gegen drei ausländische Kämpfer aus den Reihen der ukrainischen Streitkräfte in Donezk als Entscheidung eines eigenständigen Staates. Diese Prozesse fänden auf der Grundlage der Gesetzgebung der „Volksrepublik Donezk“ statt, sagt er.
  • Nach eigenen Aussagen soll die Ukraine die russische Militärbasis der privaten Wagner Gruppe im besetzten Luhansk zerstört haben. Nur ein russischer Soldat habe überlebt, sagt Gouverneur Serhiy Haidai, ohne die Anzahl der Toten zu nennen.
  • Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban warnt vor den Folgen eines EU-Embargos gegen russisches Gas. Ein solches würde die europäische Wirtschaft zerstören, sagt er im staatlichen Hörfunk.

HINTERGRUND UND ANALYSE

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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