Tagesspiegel Fachforum Gesundheitswirtschaft : „Ein ‚Weiter so‘ kann es nicht geben“

Von Digitalisierung bis zum Klimaschutz: Das Gesundheitswesen steht vor enormen Herausforderungen. Am Mittwoch debattierten Experten mögliche Lösungen.

Tagesspiegel Fachforum Gesundheitswirtschaft : „Ein ‚Weiter so‘ kann es nicht geben“

In Deutschland hält die Digitalisierung nur langsam Einzug im Gesundheitswesen.Foto: ClinicAll/obs

Der Handlungsdruck sei groß, betonte Thomas Korbun, der Wissenschaftliche Geschäftsführer des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung. “Der Klimawandel ist im vollen Gange”, sagte er in seinem Vortrag beim Tagesspiegel Fachforum Gesundheitswirtschaft am Mittwoch. Das habe längst auch in Deutschland gesundheitliche Folgen. Zum Beispiel seien 37 Prozent aller Hitzetoten laut Studien auf die menschengemachte Erderwärmung zurückzuführen.  

Die Gesundheitswirtschaft sei allerdings nicht nur Helferin, sondern Verursacherin, weil sie für über fünf Prozent der nationalen Treibhausgasemissionen verantwortlich sei, sagte Korbun. Daher müssten sowohl die Gesundheitswirtschaft als auch die Politik das Thema Nachhaltigkeit mit höchster Priorität angehen. 

Beim Fachforum Gesundheitswirtschaft diskutierten zum sechsten Mal Expert:innen aus Wirtschaft und Politik die Zukunftsfähigkeit des Gesundheitsstandortes Berlin-Brandenburg. Die Veranstaltung, die von den Unternehmen Pfizer Deutschland, Sanofi-Aventis Deutschland und Takeda Pharma Vertrieb gesponsert wurde, fand als als Hybid-Event statt. Neben einem Saalpublikum folgten auch Zuschauer:innen am Livestream der Diskussion, die von Tagesspiegel-Chefredakteur Christian Tretbar moderiert wurde. 

Der Wirtschaftssenator Stephan Schwarz war per Video zugeschaltet. “In unserer Zeit kann sich kein Unternehmen mehr erlauben, das Thema Nachhaltigkeit zu ignorieren”, sagte er. Langfristige Risiken müssten eingepreist werden, dazu gehörten auch Klimakosten. In der Vergangenheit sei das nicht nicht immer geschehen. Die Folgen trage die Allgemeinheit, auch in gesundheitlicher Hinsicht. “Nachhaltigkeit muss zu einem Grundpfeiler medizinischer Ethik werden”, forderte Schwarz. 

Jörg Fahlbusch, Mitglied der Geschäftsführung von Takeda Deutschland, forderte seine Branche auf, aus ihrer “Komfortzone” herauszukommen. Es sei höchste Zeit, auch unkonventionelle Ideen auszuprobieren und Risiken einzugehen. Allerdings brauchten die Unternehmen auch Unterstützung aus der Politik, um Wettbewerbsnachteile zu verhindern.

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Florian Schlehofer, Clustermanager Gesundheitswirtschaft bei der Wirtschaftsförderung Brandenburg, sagte: “Ein ‘weiter so’ kann es nicht geben.” Eine Zeitenwende, wie vom Bundeskanzler angekündigt, müsse nicht nur in der Sicherheitspolitik, sondern auch in Bezug auf Gesundheit und Klima stattfinden. 

Kai Uwe Bindseil von der Wirtschaftsförderung “Berlin Partner” erinnerte an die Coronapandemie, die gezeigt habe, wie wichtig die Digitalisierung im Gesundheitsbereich sei. “Andere Länder sind weiter als Deutschland.” Oftmals enge die Gesetzgebung die Möglichkeiten unnötig ein, etwa beim Datenschutz.

Zum Beispiel sei es unsinnig, dass Berlins Krankenhausgesetz vorschreibt, dass Daten von Patient:innen nur auf Servern auf dem Grundstück der jeweiligen Klinik verarbeitet werden dürfen. Das behindere die Zusammenarbeit zwischen Kliniken und Forschungseinrichtungen. Heute gebe es andere und bessere Möglichkeiten, Daten zu schützen, sagte Bindseil. 

Vivantes-Chef Johannes Danckert stimmte zu: Der entsprechende Passus des Gesetzes sei mit Blick auf die technische Entwicklung nicht mehr zeitgemäß, sagte er. Daher sollte diese Regelung seiner Ansicht nach einfach aus dem Gesetz gestrichen werden. Trotz der Einschränkungen sei es Vivantes und der Charité gelungen, eine gemeinsame IT-Infrastruktur für den Austausch von Behandlungsdaten zu schaffen, betonte Danckert. 

Viel Potenzial stecke in der “Harmonierung des digitalen Datenaustausches”, sagte Daniel Kalanovic, Medizinischer Direktor bei Pfizer Deutschland: “Wir müssen Datenschutz so denken, dass es dem Patienten wirklich hilft.”

Technologische Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz müssten stärker genutzt werden, denn sie erleichterten den Ärztinnen und Ärzten die Entscheidungen, sagte er. Bindseil wies darauf hin, dass Berlin mit seiner großen Dichte von Kliniken, Forschungseinrichtungen, etablierten Unternehmen und innovativen Start-ups enormes Entwicklungspotenzial habe. 

In wesentlichen Punkten waren sich die Diskussionsteilnehmer einig

In einem zweiten Panel sagte Kristina Böhm, in der Coronapandemie habe sich die Vernetzung innerhalb des Gesundheitswesens bewährt. Doch diese Entwicklung dürfe nun nicht zum Stehen kommen. Böhm ist Vorständin des Verbandes der Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes der Länder Brandenburg und Berlin sowie Leiterin des Gesundheitsamtes Potsdam. 

Die Gesundheitsämter hätten seit 2020 eine “Hau-Ruck-Digitalisierung” durchgemacht, sagte Tobias Schulze, Sprecher für Gesundheit, Wissenschaft, Forschung und Digitalisierung der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus. Vor allem bei der aufwendigen Kontaktverfolgung sei auch bisher skeptischen Mitarbeitenden deutlich geworden, dass ein funktionierendes digitales System effektiver arbeite als “Excel-Tabelle und Aktenschrank”. 

Der Schutz persönlicher Daten von Patient:innen müsse zwar stets gewährleistet sein, doch ein Austausch anonymisierter Behandlungsdaten sei wichtig für die Entwicklung von Therapien und Medikamenten. Böhm betonte, dass die Gesundheitsämter über Daten verfügten, die in Zukunft zur Prävention von Krankheiten eingesetzt werden könnten: “Wir sind von der Wiege bis zur Bahre dran am Patienten.” 

Heidrun Irschik-Hadjieff von Sanofi Deutschland beklagte, dass im deutschen Gesundheitswesen zu viel in Daten-Silos gedacht werde, auch an anderen Stellen. Die Pandemie habe gezeigt, dass es auch anders geht: “Fast über Nacht ist ein digitaler Impfpass geschaffen worden. Warum kann man da nicht die anderen Impfungen eintragen?” 

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In den wesentlichen Punkten waren sich die Diskussionsteilnehmer:innen also einig. Michael Zaske, Abteilungsleiter Gesundheit beim Ministerium für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg, fasste es so zusammen: “Wir haben kein Erkenntnisdefizit, sondern ein Umsetzungsdefizit”.

Es gebe aber auch positive Beispiele, etwa die Modellregion Lausitz. Mit Fördermitteln des Bundes werden im Südosten Brandenburgs neue Forschungszentren für die Digitalisierung in der Medizin geschaffen. 

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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