Ukrainische Geschichtspolitik : Ein gutes Gedächtnis ist unsere Waffe

Die Ukraine gedenkt am 8. Mai den Opfern des Zweiten Weltkriegs – einen Tag bevor Russland den Sieg über Nazi-Deutschland feiert. Ein Essay über Erinnerung.

Ukrainische Geschichtspolitik : Ein gutes Gedächtnis ist unsere Waffe

Sehnsucht nach den Kastanien von Kiew. Das Blatt des Baumes ist das Wappen der ukrainischen Hauptstadt.Foto: imago images/rawgroup

Wir haben ein System. Um 9 Uhr morgens sagt mir meine Mutter: „Hier ist es ruhig.“ (In der Ukraine ist es 10 Uhr.) Das bedeutet, dass es in Saporischschja ruhig ist. Oder: Um 7 Uhr morgens meldet mir meine Mutter: „Hier ist alles in Ordnung.“ (In der Ukraine ist es 8 Uhr.)

Das bedeutet, dass ich jetzt die Nachrichten auf meinem Telefon öffne und sehe: „Die russischen Streitkräfte haben einen Raketenangriff auf Saporischschja gestartet. Details folgen.“ Das bedeutet, dass eine russische Rakete in Saporischschja eingeschlagen ist und Menschen getötet hat. Vor dem Abend können sie keine Details veröffentlichen, sonst würden sie den Russen helfen, ihre Schusslinie zu korrigieren.

Vor ein paar Jahren habe ich meiner Mutter versprochen, keine Texte über sie zu schreiben. Aber das ist im Grunde alles, was ich zum heutigen Muttertag sagen kann. Dies – und, dass ich mir wünschte, dass der 8. Mai nur diese Bedeutung hätte.

Die Geschichte umschreiben

Seit einigen Jahren wird der 9. Mai, der Tag des Sieges, in der Ukraine nicht mehr gefeiert. Stattdessen haben wir am 8. Mai den Tag des Gedenkens. Was gibt es denn auch zu feiern? In diesem Krieg starben acht Millionen Ukrainer. Das Motto des Gedenktages lautet „Nie wieder“.

Diese neue Sicht auf das Ende des Zweiten Weltkriegs hatte von Anfang an einen surrealen Beigeschmack. Denn tatsächlich ist das „Wieder“ ja bereits geschehen. Im Jahr 2014 besetzte Russland ukrainische Territorien. Und selbst wenn man für eine Weile so tun kann, als finde im eigenen Land kein Krieg statt – während man russische Musik hört, russischen Influencern bei ihren gelegentlichen Ausflügen auf die Krim zuschaut, bei denen sie erklären, dass die ukrainische Sprache nicht geeignet ist, um über Quantenphysik zu schreiben – irgendwann wird der Krieg einen aufwecken. Wie es am 24. Februar geschehen ist.

Der Fall der Puschkins

Von Zeit zu Zeit versuchen Deutsche, mit mir auf Russisch zu reden. „Ich habe es in der Schule gelernt“, sagen sie. „Wir hatten es fünf Jahre lang … Ich war kein guter Schüler.“

Ich habe zwei Arten, darauf zu antworten. Die eine ist länger – ich erzähle meinem Gegenüber, dass ich in meiner Schule nur ein halbes Jahr lang Russischunterricht hatte, in der 7. Klasse. Aber danach hatten wir vier Jahre lang russischen Literaturunterricht (ein Semester, um die Bedeutung der gelben Blumen in „Der Meister und Margarita“ zu diskutieren – einfach!) Die zweite Antwort ist kürzer. Komisch, wie sie versuchen, jedes Land mit ihrer Sprache zu kolonisieren, sage ich. Das ist auch meine Antwort auf die Frage, was ich heute von der russischen Kunst halte. Die Ukrainerinnen und Ukrainer, wie auch alle anderen Nationen der einstigen UdSSR, kennen die russischen Kolonialpraktiken sehr gut.

Sind Sie interessiert? Hier ist eine kurze Anleitung, wie man seinen Nachbarn kolonisiert: Zuerst sagst du ihnen, dass ihr Brüder seid. Dann nennst du dich „den Älteren“. Dann zwingst du sie, die Sprache zu lernen, die du sprichst. Und nennst ihre Muttersprache eine primitive Sprache. Wie sagt man „Katze“? Ha-ha, lustig. Hör auf damit! (Beifall für Bulgakow) Dann tötest du alle, die anderer Meinung sind. Und die, die überlebt haben, lässt du das Geschehene vergessen.

Kein Wunder, dass wir in den ukrainischen Städten nun die zweite Abrisswelle von Denkmälern erleben. Im Jahr 2014 wurden Lenin und seine Freunde geschliffen. Jetzt ist Puschkin an der Reihe. Denn schließlich kann Kultur eine ebenso wirksame Waffe sein wie ein Gewehr. Und es ist wichtig, nicht zu vergessen, wessen Kultur das eigene Volk jahrhundertelang umgebracht hat.

Zur Frage der Erinnerung

Im Jahr 2015 entdeckte ich einen neuen Teil meiner Familie väterlicherseits. Ausgerechnet in Lwiw. Der Urgroßvater dieser Leute war der Bruder des Vaters meines Vaters. Kompliziert, ich weiß. Diese beiden Brüder und ihre Familien waren Ukrainer, die auf polnischem Gebiet lebten. Bis 1946 wohnten sie in einem kleinen Dorf in Ulhiwok. Dann kam die sowjetische Armee, steckte sie in Viehwaggons und schickte sie in die Ukrainische Sowjetrepublik. Ein Teil der Familie landete in Lwiw. Ein anderer in Saporischschja. Heute nennen wir das Zwangsumsiedlung.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Sie versuchten, ihr neues Leben zu gestalten. Und es gelang ihnen. Sie begannen Russisch zu sprechen. Sie dachten, es sei nicht sicher, sich gegenseitig Briefe zu schicken (von Reisen konnte keine Rede sein). Und dann haben sie es vergessen.

Als wir uns 2015 in Lwiw trafen, erzählte mir Natalka, meine neu gefundene Schwester, dass ihr Vater einmal nach Ulhiwok gereist war. Es war ein rein polnisches Dorf mit dem polnischen Namen Ulhowek. Das Einzige, was ukrainisch war, waren die Kreuze auf dem vergessenen Friedhof.

Imaginärer Spaziergang ohne Luftsirenen

Die Kastanienbäume blühen in Berlin in voller Pracht, und ich denke daran, wie sehr ich Kiew vermisse. Das Symbol von Kiew ist das Kastanienblatt, es gibt viele Kastanienbäume auf der Hauptstraße Khraschatyk.

Jetzt ist die beste Zeit, um dort zu sein. Gehen Sie durch die Prorisna-Straße bis zum Goldenen-Tor-Monument, atmen Sie durch und biegen Sie rechts ab zur Sofia-Kathedrale. Gehen Sie ein wenig in der Sonne spazieren und betrachten Sie die Bohdan-Khmenitski-Statue. Dann den Andriyivskyy-Abstieg hinab – stolpernd über die Pflastersteine.

[Anastasiia Kosodii ist Bühnenautorin und Leiterin des Theatre of Playwrights in Kiew. Derzeit lebt sie in Berlin. Ihren Text hat Nadine Lange aus dem Englischen übersetzt.]

Bevor Sie das Podil-Theater erreichen, nehmen Sie die Treppe zu Ihrer Linken. Nach sechs bis sieben Minuten Gestolpere und schwerem Atmen stehen Sie auf dem Gipfel des Zamkova Hora, einem der Hexenhügel von Kiew. Die ganze Stadt liegt unter Ihnen. Setzen Sie sich einfach hin und trinken Sie ein Glas Wein. Lauschen Sie den Vögeln und den Teenagern, die sich in der Nähe unterhalten.

Meine Schwester Natalka vermisst Lwiw. Sie ist seit fast zwei Monaten mit ihrem Kind in Polen. „Ich habe hier einen Job gefunden, alles ist gut“, schreibt sie mir. „Ich möchte aber zurückkommen. Aber ich werde damit wahrscheinlich bis nach dem 9. Mai warten.“

Ich verstehe, warum. Sie wahrscheinlich auch.

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!

Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.