Ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk : „Ich fühlte mich noch nie so weit von meinen Büchern entfernt“

Bachmann-Presiträgerin Tanja Maljartschuk über die historischen Hintergründe des Kriegs und das Selbstbewusstsein der Ukrainer.

Ukrainische Schriftstellerin Tanja Maljartschuk : „Ich fühlte mich noch nie so weit von meinen Büchern entfernt“

Tanja Maljartschuk, Preisträgerin des Usedomer Literaturpreises 2022.Foto: Sofija Rudejchuk/Usedomer Literaturtage/dpa

Frau Maljartschuk, Sie sind eine bekannte Schriftstellerin. In Zeiten des Krieges werden Sie aber vermutlich noch mehr über Ihre Herkunft definiert. Welche Auswirkungen hat der Krieg in der Ukraine auf Ihr Leben und Ihre Arbeit?
Bereits 2014 während des Euromaidan wurde ich von deutschsprachigen Medien über meine Herkunft definiert. Jetzt, während des Angriffskrieges auf meine Heimat, hat sich dieses Prozedere noch einmal um mehrere Dimensionen verstärkt. Mein Leben und meine Arbeit sind Geiseln dieses Krieges. Privat bin ich in ständiger Sorge um meine Eltern und Freunde, beruflich beantworte ich täglich Fragen, oder schreibe Texte für Medien.

In ihrem Roman „Blauwal der Erinnerung“ erzählen sich an Hand der Person von Wjatscheslaw Lypynskyj, einem Kämpfer für die Unabhängigkeit des Landes, die Geschichte der Ukraine. Der Konflikt mit Russland hat Ihr Land von Anfang an begleitet. Ist der aktuelle Krieg ein beinahe logisches Ergebnis dieser Entwicklung?
Krieg kann und darf nie eine logische Folge von irgendetwas sein. Wenige haben geglaubt, dass Russland die Ukraine angreift, auch ich nicht. Aber Sie haben recht, die Ursprünge dieses Krieges liegen tief in der Vergangenheit, ich würde nicht einmal wagen, sie zeitlich genauer zu bezeichnen. 17 Jahrhundert? Oder vielleicht sogar 12. Jahrhundert, als Kyjiw zum ersten Mal von einem Moskauer Fürst Andrei Bogoljubski zerstört wurde?

Sie sagen selbst, dass Wjatscheslaw Lypynskyj in der Ukraine eine relativ unbekannte Persönlichkeit ist. Wie sind Sie auf ihn gestoßen?
Als ich 2011 nach Wien ausgewandert bin, habe ich begonnen nach ukrainischen Spuren in Wien zu suchen. Es war sehr erstaunlich wie viele historische Persönlichkeiten sich in den 1920er Jahren hier aufgehalten haben, wie viele ukrainischsprachige Zeitungen und Verlage existierten. Auf Wjatscheslaw Lypynskyi bin ich sehr rasch gestoßen, damit hat auch meine Faszination für ihn und seine Schriften begonnen. Er war einer von vielen, die 1919 vor den Bolschewiki ins Exil gehen mussten und nie mehr zurückgekehrt sind. Für mich ist Lypynskyi ein Symbol der europäischen Ukraine, die in einer verbrecherischen Art und Weise durch die sowjetische ersetzt wurde.

In den ersten Rezensionen nach Erscheinen Ihres Romans, wurde vor allem dessen wundervolle Sprache gelobt. Wird Ihr Buch heute anders gelesen?
Der Roman wird durch den Krieg viel mehr wahrgenommen und hat dadurch eine breitere Leserschicht erreicht. Wie er gelesen wird, müssten wir natürlich die Leserinnen und Leser fragen. Ich selbst, die ich diesen Krieg hautnah erlebe, war noch nie so weit von meinen Büchern entfernt wie jetzt. Vieles ist mir angesichts des Massenmordes in der Ukraine egal oder nicht mehr wichtig.

In Ihrem Buch, fällt der Satz: „Doch kann man ein Land, das tötet, als Heimat bezeichnen?“
Dieser Satz aus dem Buch bezieht sich auf die Ukraine, nicht auf Russland. Polnisch oder sowjetisch, war sie trotzdem die Heimat meiner Familie, meiner Ur- und Großeltern, und sie tötete. In diesem Buch hatte ich nicht vor über Russland zu schreiben – sondern über uns selbst, die Ukrainer, und über die eigene Verantwortung für das Scheitern in der Staatenbildung nach dem Ersten Weltkrieg.

Lypynskyj war ein starker Kritiker der damaligen ukrainischen Führung und konzentrierte sich auf die Fehler und Schwächen der jungen ukrainischen Nation, nicht die von Russland oder Polen. Die Rolle von Russland oder Polen in der damaligen Geschichte der Ukraine war ziemlich klar: Aggression, Eroberung, Verschlucken. Warum konnten die Ukraine diese Aggression nicht überstehen? Lypynskyi gab Antworten, die alles andere als angenehm waren.

Ist er deshalb heute kein ukrainischer Held?
Ja, wer will schon eine solche Selbstkritik entgegennehmen. 2016 schien es mir wichtig, genau solche Reizthemen aufzuarbeiten und über solchen Menschen wir Lypynskyi zu schreiben. Er war ein Verlierer, aber für mich ist er ein Held.

In einem Interview, dass Sie 2019 dem MDR gegeben haben, haben Sie, bezogen auf die Situation zu Beginn des 20.Jahrhunderts gesagt: „Westeuropa hat nicht wirklich geglaubt, dass zwischen Polen und Russland ein unabhängiger europäischer Staat sein kann.“ Hat Westeuropa aktuell wieder denselben Fehler gemacht?
Westeuropa hat nach der russischen Annexion der Krim und dem Angriffskrieg im Donbass unbedacht seine Geschäfte mit Russland weitergeführt. Auch in den ersten Tagen des Krieges, am 24. und 25. Februar dieses Jahres, zögerte der Westen mit Hilfe, weil keiner glaubte, dass die Ukraine in der Lage sein wird, sich zu wehren. Ich hatte selbst große Angst, dass die Geschichte sich eins zu eins wiederholen kann und schon bald Kyjiw fallen würde, formelle russlandfreundliche Puppenrepubliken entstehen, wie es schon vor hundert Jahren passierte.

Die Ukraine scheiterte damals durch das mangelnde Selbstbewusstsein und interne Unentschlossenheit einerseits, anderseits, weil der Aggressor viel stärker war; aber auch deshalb, weil die Ukraine nicht als Subjekt der europäischen Politik empfunden und entsprechend nicht unterstützt wurde. Jetzt ist der Aggressor nach wie vor sehr stark, aber das Selbstbewusstsein der Ukrainer und ihre Bereitschaft sich zu wehren sind auch enorm. Die Unterstützung des Westens könnte in diesem Krieg also entscheidend sein.

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Ihr Roman wird vor allem als historische Abhandlung gelesen. Wie sehen Sie ihn?
Dieser Roman ist auch ein Roman über Angst, die ich und meine Protagonistin von ihren Vorfahren, seit ewig unterdrückt und unterwürfig, geerbt haben. Es ist ein Roman über Traumata, die durch Generationen wandern und einen als Geisel nehmen. Ein Roman über Opfersein und ein Beginn darüber zu reflektieren, eine Suche nach schmerzhaften Antworten und einem Ausgang.

Wie wird das Buch in Ihrer Heimat rezipiert?
Ambivalent. Einerseits habe ich für den Roman den renommierten BBC-Preis Ukraine, Buch des Jahres bekommen, und gleichzeitig wurde „Sabuttja“ (Originaltitel des Romans) von einem Internetportal der ukrainischen Literaturkritiker als das schlechteste Buch des Jahres bezeichnet. So widersprüchlich empfinde ich den Roman auch selbst.

Schreiben Sie aktuell an einem neuen Buch. Ist das in der gegenwärtigen Situation überhaupt möglich?
Ich habe zwei Jahre lang für einen neuen Roman recherchiert. Diesen Text über den Holocaust in der Ukraine werde ich nicht schreiben können, da der Krieg gegen die Ukraine, vorbereitet durch absurde Nazivorwürfe der russischen Führung, alle historischen Zusammenhänge aus den Angeln gehoben hat. Und wir stehen vor einer neuen Tragödie. Welche Wirkung all das auf mich als Autorin haben wird, weiß ich nicht.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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