Uwe Tellkamps Roman “Der Schlaf in den Uhren” : Untergegangen im Strom der Zeit

Auf Klarheit und Komposition wird hier lieber verzichtet: Uwe Tellkamps 900 Seiten zählendes Romanungetüm “Der Schlaf in den Uhren”.

Uwe Tellkamps Roman "Der Schlaf in den Uhren" : Untergegangen im Strom der Zeit

Der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp.Foto: ZDF und Ulf Behrens

Es dauert keine vierzig Seiten, bis man überlegt, diesen vermeintlich lang erwarteten Roman von Uwe Tellkamp genervt wegzulegen, ihm nicht die obligaten hundert Seiten zur Entfaltung zu geben. Tellkamps Ich-Erzähler Fabian Hoffmann stellt das „Seeminenreferat“ vor, er wohnt schließlich, wie es hinten im sehr unvollständigen Personenregister heißt, in der „Republik der Seeungeheuer“.

Hoffmann hebt an mit den Worten: „Flottenamt, Erdölinformationsdienst, das Rosinenreferat im Wirtschaftsministerium mit seinen Schwebfliegenforschern, die mit dem Flottenamt seit Jahr und Tag Papierkrieg führen, die Dorotheenbehörde, die Tausendundeinenachtabteilung und ihre Lektorate: manchmal frage ich mich, ob wir existieren und wenn ja, in welcher Form.“

Nach weiteren Informationen, die sich als konstituierend für das Umfeld und die Aufgaben der Romanfigur Fabian Hoffmann verstehen lassen, kommt die „Karte der Seeminen”, die nur Tellkamp lesen kann, weil er sie selbst gezeichnet hat. In diesem Kapitel geht es unter anderem um Oszillationsminen, Antiinvasionsminen, Grundminen oder Ankertauminen, letztere „schon bei der Belagerung von Fort Richmond eingesetzt.“

Allein das wirkt leicht durchgedreht und ist doch wie so viel anderes, seltsam Schrulliges Bestandteil eines im Verlauf der Lektüre immer quälender werdenden Romans. „Der Schlaf in den Uhren“, so sein Titel, will vor allem von Deutschland kurz nach der Wende erzählen und von dem des Jahres 2015, dreht sich zudem um die alte Bundesrepublik und die frühere DDR.

“Märchen, das Wirklichkeit hervorbringt”

Der Roman sei die „Fortschreibung des großen Romans ,Der Turm’“, verkündet der Suhrkamp Verlag hinten auf dem Cover, ohne die Fortschreibung wie üblich ebenfalls mit einem preisenden „groß“ zu versehen.

Mit dem „Turm“ hatte sich Uwe Tellkamp vor langen vierzehn Jahren in der deutschen Gegenwartsliteratur ganz vorn platziert, mit einem Roman über das rat- und orientierungslose Dresdner Bürgertum in den achtziger Jahren bis kurz vor der Wende. Danach war es still geworden um ihn als Romanautor.

Verstreut veröffentlichte Erzählungen wie „Die Carus-Sachen“, „Die Schwebebahn“ und „Das Atelier”, deuteten darauf, dass hier jemand mit seinem eigentlichen Vorhaben, eben jenem „Turm“-Nachfolger nicht vorankam.
Dass es aber um seine Person nie still wurde, sondern im Gegenteil: sehr laut, lag daran, dass Tellkamp meinte, sich politisch äußern zu müssen, dass er sich mehr und mehr rechten Kreisen zuwandte.

2018 sagte er bei einer Podiumsdiskussion mit seinem Schriftstellerkollegen Durs Grünbein, dass 95 Prozent aller Geflüchteten nur nach Deutschland kämen, um „hier in die Sozialsysteme einzuwandern.“ Und: „Wenn ich ein Wort wie Schutzsuchende höre, dann zögere ich“. Auch „einen Gesinnungskorridor zwischen gewünschter und geduldeter Meinung” hatte er ausgemacht.

Alles reinwerfen

Bis heute hat sich an Tellkamps, wie er glaubt: nur geduldeter Meinung, an seiner politischen Haltung nichts geändert. Als er verkündete, sich auch literarisch mit dem Geschehen in Deutschland im Jahr 2015 beschäftigen zu wollen – mit den fast eine Million vorwiegend syrischen Geflüchteten, die ins Land kamen, mit der Willkommenskultur in Deutschland, mit den Auswirkungen von all dem – , da ahnte man, dass das Lektorat dieses Romans und seine Veröffentlichung eine heikle, schwere Geburt werden würden.

Nun also ist „Der Schlaf in den Uhren“ veröffentlicht worden, ein „Märchen, das Wirklichkeit hervorbringt”, wie Tellkamp den Roman einmal bezeichnet hat. Und man muss sagen: Der lange Schlaf hat ihm nicht gut getan, das Hineinzwängen der Ereignisse 2015, der Gegenwart bis ins Jahr 2021, die Verbindungen in die Zeit kurz nach der Wende.

Doch lässt noch viel mehr diese „Turm“-Fortsetzung schier auseinanderfliegen und zu einem einzigen Sammelsurium werden: Verweise in die fünfziger Jahre, Aneinanderreihungen von Werbesprüchen jener Zeit, wie in einem Poproman, wo doch Tellkamp mit Pop und Oberflächenphänomenen erkennbar nichts anfangen kann; Meditationen nicht nur über Seeminen, sondern auch über Uhren, Rasierklingen, Schrauben, Saugnäpfe oder Segelschiffe; Erörterungen über die Zeit an sich mit Passagen jenseits von Politik und Zeitgeschichte.

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Mit diesen allerdings demonstriert Tellkamp, was für ein guter Erinnerungskünstler er sein kann. So mit jener Erzählung, die dem Roman den Titel gegeben hat und mit der er 2004 den Bachmannpreis gewann. Sie steht hier genauso verbindungslos herum wie das Kapitel, in dem es um die Arbeit eines Filmvorführers geht, auch dies lesenswert, an Proust gemahnend (der hier zwei-, dreimal erwähnt wird).

Man kann sich vorstellen, wie Autor und Verlag darum gerungen haben, eine Komposition hinzubekommen, einen roten Faden zu legen, von einer Handlung zu schweigen. Es passt ins wirre Gesamtbild, dass der Schluss eine Reise des Erzählers ins sogenannte Waldviertel bildet, wo „Dachdecker“, „Platzhirsch“, „General“ oder „Eisenbahner“ zuhause sind, also die SED-Nomenklatura in Wandlitz, und der OV, also der operative Vorgang „Gemüse“ bearbeitet wird (Vorsicht, Satire!).

Dieser Schluss hätte an jeder Stelle stehen können, er wirkt wie drangeklebt. Genauso hätte das Ganze mit der Verhaftung der Eltern des Erzählers durch die Stasi knapp hundert Seiten zuvor enden können.
Doch so funktioniert dieser viel Material auftürmende Roman mit seinem erratischen Vor und Zurück.

Erich Honecker ist “Dachdecker”, MRR “Wiktor Hart”

Als Zentrum lassen sich zwei Stränge ausmachen: die einerseits raunende, dunkel-märchenhafte Erzählung, dass die Stasi untergründig an der Wende mitgearbeitet hat und bis heute an der Geschichte des wiedervereinigten Deutschlands mitwirkt. Andererseits das verschwörungsgesättigte Porträt der „politmedialen Maschinerie“, des sich gegenseitig stützenden Konglomerats aus Politik und „sogenannten Hauptstrommedien”, (genau: Mainstreammedien).

Der Medienkritiker Tellkamp weiß: „Die Wahrheit über die Verhältnisse stimmte mit der wahrgenommenen Wahrheit über die Verhältnisse nicht überein.”

Bei aller fiktiven Umsicht – zum Beispiel aus Deutschland Treva zu machen, eine Insel, genauso wie aus der DDR die Kohleninsel mit ihrem Staat im Staat, der Staatssicherheit –, wirkt es nicht gekonnt, sondern lächerlich, wie Tellkamp den meisten seiner aus der realen Polit- und Medienszene stammenden Figuren ein dünnes Fiktionsmäntelchen umhängt.

Anne Hoffmann ist die aus der DDR- Bürgerrechtsbewegung hervorgegangene Kanzlerin Angela Merkel. Deren verunglückte Begegnung bei einem Bürgertalk mit einem geflüchteten, aus dem Libanon stammenden Mädchen hier zum Beispiel erzählt wird.

Auch Adenauer und Wehner kommen vor (Tellkamp hat YouTube-Videos geschaut), Marcel Reich-Ranicki (mit seinem ersten Pseudonym Wiktor Hart) und Joachim Kaiser haben unter anderen Namen genauso Auftritte wie Rudolf und Jakob Augstein, Sascha Lobo oder der „FAZ“-Kulturredakteur und Schriftsteller Dietmar Dath.

Aber auch der Autor selbst, als „Telramund“ oder „T.“, der das mit den 95 Prozent, die nur wegen der Sozialleistungen kommen, gesagt hat – und dessen „rechtsnationaler Käse“ von den „progressiven Kräften entzaubert“ wird. Dass Tellkamp sich hier karikiert oder über sich lacht, lässt sich nicht sagen.

Tapsige Prosa

Denn sogleich folgen beleidigte Sätze: „Wenn einer wie Pegida redet, kann es nicht um richtig oder falsch gehen, wenn der Rententopf gut gefüllt ist, hat das keine Auswirkung auf den Flüchtlingstopf, und wenn sich der Osten, der den Westen 1990 mit Sozialflüchtlingen geflutet hat, über Migranten aufregt, braucht er sich über Widerspruch nicht zu wundern.“ Abgewatscht von progressiven Kräften, der arme Telramund.

Ja, man kann sich in diesen Roman tapfer eingraben. Man kann versuchen, ihn in seinem verschachtelten Ordnungsprinzip zu entschlüsseln – auf den Innenseiten des Covers gibt es Karten, deren Schrift kaum zu entziffern ist: die Figuren, die Ereignisse 1989/1990, die fiktiven und nicht fiktiven Orte, ihr Verhältnis zueinander, genau wie das der beiden Hauptfiguren, des Erzählers und „Nemo“ alias Meno Rhode, seines Zeichen Lektor, Zoologe und Mitarbeiter der „Tausendundeinenachtabteilung“.

Doch der Lohn dafür ist ein nur schmaler. Die schönen, geschwungenen Sätze, die Meno Rohde einmal attestiert werden, sind Tellkamps Sache nicht. In diesem Roman ruckelt und zuckelt es sprachlich oft schwerfällig, die Prosa wirkt tapsig, nur so hingeworfen.

Eine Vielzahl von Namen und Nebenfiguren, die auf- und wieder abtreten, erschwert die Durchsicht, und eine Vielzahl von enervierenden Metaphern, nautische, zoologische, soll dem Ganzen die literarische Glasur geben. „Der Kerl will Kunst machen“, schreibt Hoffmann über Rohde.

„Als ob es darauf ankäme, hatte ich an den Rand notiert. Auf Klarheit kam es an, Entschiedenheit, ein heißes Herz bei kühler Hand und eine direkte, unverkünstelte Art in der Durchführung der gestellten Aufgaben.“
Das hätte auch diesem Roman an sehr vielen Stellen gut getan. Selbst Märchen benötigen Klarheit, erst recht solche, die Wirklichkeit hervorbringen wollen. Nur ist die Wirklichkeit, die neue gesellschaftliche Realität der Literatur von Tellkamp arg in die Quere gekommen. An der sind er und seine Tausendundeinenachtabteilung gescheitert.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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