Wegweisendes Urteil in Urheberstreit : Der Berliner Maler Martin Eder hat der Kunst ein Stück Freiheit erkämpft

Collage, Zitat, Pastiche sind erlaubt: Ein blühender Kirschbaum wäre beinahe zum Verhängnis geworden. Jetzt darf Eder “The Unknowable” wieder zeigen.

Wegweisendes Urteil in Urheberstreit : Der Berliner Maler Martin Eder hat der Kunst ein Stück Freiheit erkämpft

Martin Eders Gemälde „The Unknowable“ war Gegenstand eines Rechtsstreits. Das Ergebnis stellt nun wichtige Weichen.Forto: VG Bildkunst Bonn 2022

Drei Jahre dauerte der Streit, jetzt endlich weiß Martin Eder verbindlich Bescheid. Seit dem Urteil des Berliner Landgerichts befindet sich sein Bild nicht länger auf unbekanntem Terrain. Es gehört zu den Aberwitzigkeiten seines Falls, dass der Künstler dem Gemälde den Titel „The Unknowable“ (Das Unbekannte) gab. Nun darf er es wieder zeigen, nachdem das 2018 entstandene Werk nur ein einziges Mal in der Londoner Newport Street Gallery zu sehen war, dem Privatmuseum von Damien Hirst, der Eder eine Einzelausstellung aus den Beständen seiner Sammlung ausgerichtet hatte.

Das Bild war nur einmal zu sehen: bei Damien Hirst in London

Dort erregte es die Aufmerksamkeit von Daniel Conway, einem „Freelance Concept Artist“, wie er sich nennt, dessen Spezialität psychedelische Digitaldruckmotive mit Aliens und Totenköpfen sind. Auf „The Unknowable“ entdeckte er einen blühenden Kirschbaum über Lavalandschaft, der ihm bekannt vorkam.

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Das Motiv gehört zu seinem Repertoire, kommt allerdings auch auf Hoodies, Mousepads und Kaffeetassen vor. Woher es genau stammt, ließ sich zwar nicht mehr rekonstruieren. Der Streit aber war in der Welt. Conway klagte auf sein Urheberrecht, nicht etwa in London, sondern Berlin.

Damit ist Berlin erneut Schauplatz eines Urheberkonflikts nach den jüngsten Auseinandersetzungen um Martin Kippenbergers „Paris Bar“-Bild. Bei Eder aber steht der Streit unter umgekehrten Vorzeichen. Ging es bei Kippenberger darum, dass der von ihm beauftragte Maler seine Anteile an dem nach Fotovorlage gefertigten Gemälde ungenügend gewürdigt sah, wenn nicht das Werk komplett als sein eigenes betrachtete, wurde Eder von Conway des Plagiats beschuldigt – so ziemlich das Schlimmste, was einem Künstler passieren kann.

Jeff Koons musste sein Werk zurückziehen

Durch das Berliner Urteil ist der Vorwurf nunmehr ausgeräumt. Für Eders in seiner Geburtsstadt Augsburg gerade eröffnete Retrospektive kommt es zwar zu spät. Dort wird „The Unknowable“ nicht mehr zu sehen sein. Aber es hat vor allem grundlegende Bedeutung. Die Technik des Pastiche – die Nachahmung einer Idee oder eines Stils, in Eders Fall der blühende Kirschbaum über Lavalandschaft – ist als künstlerische Strategie fortan geschützt.

Richard Prince bekam noch Ärger wegen seiner Marlboro-Men, die er aus der Werbung übernahm, Jeff Koons für seine halbnackte Frau mit Schwein in Porzellan, zu der ihn die Werbekampagne einer französischen Kleidermarke inspiriert hatte. Koons musste sein Werk zurückziehen.

Das dürfte in Europa für die Kunst nach dem neuen Urheberrechtsgesetz nicht mehr passieren. In der Musik gibt es immer noch Klärungsbedarf. Der jahrzehntelange Rechtsstreit zwischen Kraftwerk und dem Produzenten Moses Pelham wegen zwei übernommener Sekunden aus dem Stück „Metall auf Metall“ für einen Song von Sabrina Setlur ist auch nach etlichen Instanzen noch immer anhängig.

Bei einem anderen Urteil hätte es zahllose Klagen gegeben

Für die bildende Kunst aber hat Eder – mit Hilfe der Medienrechtsanwältin Christiane Stützle von der Berliner Kanzlei Morrison Foerster – den Weg gebahnt, das ergangene Urteil schützt nicht weniger als ihre Freiheit. Die künstlerische Auseinandersetzung mit einem vorbestehenden Werk durch collageartige Integration ist dadurch zulässig. Kaum auszudenken, was es bedeutet hätte, wenn anders entschieden worden wäre, eine Flut an Klagen wäre vermutlich erhoben worden.

Mit dem Urteil wird auch der zunehmenden Digitalisierung Rechnung getragen, der Allgegenwart von Bildern, die sich Nutzer im Netz aneignen und verändern können. Allerdings bezieht sich das Urteil insbesondere auf die Malerei. Dabei kommt nicht von ungefähr, dass es Martin Eder erwischte und der Streit auf seinem Rücken ausgetragen wurde. Er selbst nennt seine Methode einen Ritt durch die Kulturgeschichte des Bildes. Dazu amalgamiert er kunsthistorische Motive mit „Müll, der mir jeden Tag ins Auge gedrückt wird“, wie er es einmal formuliert hat.

Eders Methode: ein Ritt durch die Kulturgeschichte des Bildes

„The Unknowable“ ist das perfekte Beispiel dafür: ein weiblicher Akt, der an Degas erinnert, platziert als Rückenfigur vor einem Fenster, die wiederum in der Romantik populär wurde. Dazu kommt im Hintergrund eine Kirchenruine, die einem Gemälde von Caspar David Friedrich entnommen sein könnte. Der Blick aus dem Fenster aber gibt bei Eder keine friedliche Landschaft frei, sondern eine Dystopie: Lava ergießt sich kaskadenhaft über Gesteinsblöcke, an der äußersten Kante steht noch ein blühender Kirschbaum im Abendlicht.

Der Maler spielt alle gegeneinander aus: die Hochkunst gegen den Kitsch. Auf wessen Seite er sich stellt, bleibt offen. Gerade darin besteht das spannungsvolle Moment seiner meisterlich gemalten Bilder. Der Kirschbaum ist nur ein Element, das er sich einverleibt. Dessen Süßlichkeit steigert er sogar, indem er die Wolken stärker in Rosa färbt, die Lichtstrahlen der untergehenden Sonne noch mehr leuchten lässt. Das wichtigste Argument aber für die Gutachter war, dass er ein Allerweltmotiv in Kunst verwandelt.

Trotz aller Ironie reflektiert das Bild ernsthaft das Jenseits

Der Titel „The Unknowable“ ist ernst zu nehmen: Die Rückenfigur beugt sich durch den überdimensionalen Rahmen, der sich auch als Keilrahmen lesen lässt – ein weiterer kunsthistorischer Topos –, zu einem Abgrund hinüber. Eder mag mit den hehren Motiven eines Caspar David Friedrich spielen, die Romantiker und Degas vorführen, eine Reflektion über das Jenseits bleibt sein Gemälde dennoch. Dass ausgerechnet der blühende Kirschbaum als letzter Gruß einer heilen Welt vor dem Untergang ihm beinahe zum Verhängnis geworden wäre, ist eine Ironie der Geschichte.

Gefragt nach seiner Reaktion auf das Urteil, antwortet er als erstes: „Erleichterung“. Zum Sturz in den gemalten Abgrund kam es zum Glück nicht.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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