Wohin mit dem Müll? : „Das Plastikrecycling funktioniert nicht gut“

Warum das Ex- und Importieren von Abfällen und das Mülltrennen Zuhause Sinn macht, erklärt der Präsident der Entsorgungswirtschaft Peter Kurth im Interview.

Wohin mit dem Müll? : „Das Plastikrecycling funktioniert nicht gut“

Daraus kann noch was werden. Die Recyclingquote bei Abfällen aus der gelben Tonne liegt in Deutschland bei knapp 40 Prozent.Foto: imago/Winfried Rothermel

Herr Kurth, warum entwickelt sich die Entsorgungswirtschaft „ungewöhnlich dynamisch“, wie Sie sagen?
Die Bedeutung der Branche für die Rohstoffversorgung wächst dramatisch. Der Grund liegt auf der Hand: Die Substitutionsquote der deutschen Industrie muss schnell steigen.
Also der Anteil an Sekundärrohstoffen.
Im Moment setzt die Industrie im Jahr 1,7 Milliarden Tonnen Rohstoffe ein inklusive fossiler Brennstoffe. Knapp 13 Prozent werden substituiert durch Recycling- oder Sekundärrohstoffe. Das sind mehr als 200 Millionen Tonnen, die die Kreislaufwirtschaft zur Rohstoffversorgung der Bundesrepublik bereits heute beiträgt.

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Welche Materialien sind das?
Bei Metallen kommen wir auf Substitutionsquoten zwischen 40 und 50 Prozent. Das könnten auch mehr sein, doch wir haben bei einigen Stoffen nicht genügend Abfälle. Rohstoffe bekommt man entweder aus dem eigenen Boden, aus dem Ausland oder aus dem Abfall. Es spricht viel dafür, sich die Rohstoffgewinnung aus den eigenen Abfällen nochmal genauer anzuschauen.

Wohin mit dem Müll? : „Das Plastikrecycling funktioniert nicht gut“

Peter Kurth (62) ist geschäftsführender Präsident des Verbandes der Entsorgungswirtschaft und war früher Berliner Finanzsenator.Foto: Imago/Reiner Zensen

Auch wegen der Abhängigkeit von Russland und China.
Ja, das passiert gerade. Zum Beispiel wird das Batterierecycling in den nächsten Jahren richtig losgehen. In kürzester Zeit werden wir Erfolge sehen, weil namhafte Unternehmen investieren. Dazu ist eine EU-Batterieverordnung in Arbeit, die einen Mindestanteil von Rezyklaten bei der Batterieproduktion vorsieht.

Gesetzliche Vorgaben gibt es schon reichlich, Plastikverbote, Mehrwegquoten und Mindestrecycling. Im wirklichen Leben bleiben wir deutlich darunter.

Der mangelhafte Vollzug beschäftigt uns seit Jahren. Ein besonders krasses Beispiel: Im Jahr 2012 hat der deutsche Gesetzgeber beschlossen, dass Bioabfälle getrennt gesammelt werden müssen. Zehn Jahre später gibt es immer noch Dutzende Landkreise und größere Städte, die das nicht machen. In etlichen anderen wird den Leuten gesagt, sie sollen das Material bitte zum Recyclinghof bringen.

Die Kartoffelschalen?
Zum Beispiel. Da sind die Wertstoffhöfe natürlich keine Lösung. Diese Bringsysteme funktionieren oft nicht. Um möglichst viele Rohstoffe aus dem Abfall zu gewinnen, brauchen wir Getrenntsammlung zu Hause. Wertstoffhöfe taugen nur für Lacke, gefährliche Stoffe und Medikamente, aber nicht für den Standardabfall eines Haushalts. Papier, Glas, Kunststoff, Bio – das alles muss möglichst haushaltsnah gesammelt werden.

Und sollte flächendeckend funktionieren.
Nördlich der Mainlinie funktioniert das auch im Großen und Ganzen. In Bayern und Baden-Württemberg dominieren Wertstoffhöfe, dort gibt es kaum Getrenntsammlung zu Hause. Wir wissen aber, dass die Hälfte der Bürger bei der Getrenntsammlung nicht mitmacht, wenn die Wertstoffe weggebracht werden müssen.

Der Sammeleifer lässt auch nach, wenn die Leute das Gefühl haben, der Müll werde am Ende in der Müllverbrennungsanlage zusammengeworfen. Oder das gesammelte Plastik aus der gelben Tonne lande im Meer.
Richtig ist: Das Kunststoffrecycling bei uns ist noch nicht so gut, wie es sein könnte. Unsere noch nicht genutzten Recyclingpotentiale haben aber nichts zu tun mit dem Plastik in den Mangrovenwäldern von Indonesien.

Von Deutschland aus wird doch Plastikmüll exportiert.
Plastikabfälle werden auch exportiert, wenn sie woanders zu Rezyklaten aufbereitet werden. Sie dürfen nur ausgeführt werden, wenn es entsprechende Verwertungszertifikate aus dem abgebenden und aus dem aufnehmenden Land gibt. So sind die Vorschriften. Illegaler Export muss verfolgt und bestraft werden. Aber wir können nicht den kompletten Export aus der EU verbieten.

Wohin mit dem Müll? : „Das Plastikrecycling funktioniert nicht gut“

Bürgerpflicht. Im Jahr 2012 hat der deutsche Gesetzgeber beschlossen, dass Bioabfälle getrennt gesammelt werden müssen.Imago/Shotshop

Warum nicht?
Der Einsatz von Rezyklaten in Indonesien, Malaysia oder Vietnam substituiert Öl. Dort gibt es eine Kunststoffindustrie, die gerne auf teure und klimaschädliche Primärrohstoffe verzichten möchte. Wenn wir weltweit mehr Kreislaufwirtschaft wollen, dann müssen wir auch Handel zulassen. Im Übrigen: Wir importieren bei vielen Stoffströmen mehr Abfälle, als wir exportieren.

Welche sind das?
Zum Beispiel gefährliche Abfälle aus Afrika, die nur bei uns behandelt werden können. Oder 5,5 Millionen Tonnen Altpapier im Jahr. Und noch ein Punkt: Wenn man einem Land wie Malta den Export verbietet, dann gibt es dort keine Getrenntsammlung mehr. Jedes Land in der EU, das keine eigene Stahlindustrie hat, muss Schrott exportieren dürfen. Was soll denn sonst damit passieren?

Warum wird so wenig Verpackungsmüll aus dem gelben Sack oder der Tonne wiederverwertet? Und wie viel davon taucht in Afrika oder Asien auf?
Nichts. Abfälle aus der gelben Tonne werden komplett verwertet, nicht immer in Deutschland und nicht immer auf demselben Level, aber sie werden verwertet – als Rezyklat oder als Ersatzbrennstoff in Industrieanlagen.

Wirklich wiederverwendet wird wie viel?
Knapp 40 Prozent. Etwa zwei Millionen Tonnen sammeln die Haushalte jedes Jahr im gelben Sack, dazu kommen etwa vier Millionen Tonnen gewerblicher Verpackungsabfall in den Unternehmen. Die Industrie reduziert die Abfallmengen Jahr für Jahr. Im privaten Bereich gibt es dagegen mehr Verpackungen auch aufgrund des Online-Handels.

Die Ampel-Regierung hat Großes vor mit der Kreislaufwirtschaft. Sind Sie zufrieden mit den Plänen?
Es wird endlich verstanden, dass die Entsorgungswirtschaft wichtig ist für den Klimaschutz und die Rohstoffversorgung. Und: Die Politik zählt unseren Wirtschaftszweig zur kritischen Infrastruktur. Das ist auch richtig so.

Wieso das denn?
Das Sammeln und Aufbereiten von 414 Millionen Tonnen Müll, 229 Millionen Tonnen davon sind mineralische Abfälle, also Bauschutt, hat auch während der Pandemie funktioniert. Nur so können unsere Städte funktionieren, wenn der Kreislauf aufrecht erhalten wird.

Ein Großteil des getrennt gesammelten Mülls wird verbrannt.
Nein, alle 72 Müllverbrennungsanlagen zusammen haben nur eine Kapazität von knapp 26 Millionen Tonnen. Die sind im Übrigen auch wichtig für die Versorgung mit Fernwärme, etwa die Anlage in Berlin-Ruhleben.

Wie teuer ist eine Tonne Abfall, die in Ruhleben verbrannt wird?

Im bundesweiten Durchschnitt liegen die Kosten für die thermische Verwertung von Gewerbeabfall bei etwas über einhundert Euro pro Tonne. Bei Siedlungsabfällen liegt dieser Wert bei etwas unter einhundert Euro.

Die Ampel hat viele Pläne für die Entsorgungswirtschaft, unter anderem soll ein Fonds aufgelegt werden gegen die Plastikflut. Was halten Sie davon?
Ich sehe keine bessere Lösung. Es sind derzeit zwei Instrumente in der Diskussion, um den Einsatz von Rezyklaten zu erhöhen und überhaupt die Herstellung von recyclingfreundlichen Verpackungen zu fördern: Die Hersteller von Verpackungen müssen Lizenzgebühren zahlen, und die Höhe dieser Gebühren richtet sich künftig danach, wie recyclingfreundlich die Produkte sind. Wer nichts tut, muss zahlen, wer es besonders gut macht, bekommt Geld. Die dualen Systeme, die das Recycling von Kunststoffverpackungen organisieren, haben hierzu ein Fondsmodell vorgelegt.

Und das zweite Instrument?
Das ist die Plastiksteuer, die auf der EU- Ebene schon existiert und die Deutschland Geld kostet: 2021 hat die Bundesrepublik 1,2 Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt an die EU gezahlt. Diese Steuer muss umgelegt werden auf die Industrie. Ansonsten zahlt der Verbraucher im Supermarkt beim Kauf des Produktes für die spätere Entsorgung der Verpackungen und als Steuerzahler für die Plastiksteuer ein weiteres Mal. Nur wenn alle Instrumente intelligent zusammengreifen, kommen wir beim Recycling voran.

Dazu möchte die Ampel Mindestquoten für Rezyklate einführen.
Der Koalitionsvertrag ist, was die Kreislaufwirtschaft betrifft, vielversprechend. Für unsere Branche ist der Vertrag so gut wie noch kein Koalitionsvertrag zuvor. Aber es ist erstmal nur ein Vertrag. Bei der Beschleunigung von Genehmigungen hat die Regierung leider versäumt, die Kreislaufwirtschaft einzubeziehen. Der Bau einer Sortieranlage dauert sieben Jahre und mehr! Die Genehmigungspraxis hierzulande ist leider ein erstklassiges Investitionshindernis. Beschleunigung brauchen wir nicht nur für erneuerbare Energien, sondern für alle Investitionen, mit denen die Wirtschaft versucht, klimaneutral zu werden.

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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