Yuriy Gurzhys Kriegstagebuch (49) : Oleg sitzt im Hotel und zählt die Explosionen

Der ukrainische Autor, DJ und Musiker Yuriy Gurzhy lebt seit 1995 in Berlin. Hier schreibt er, wie er den Krieg in der Ukraine verfolgt.

Yuriy Gurzhys Kriegstagebuch (49) : Oleg sitzt im Hotel und zählt die Explosionen

Das gegen Bombenangriffe gesicherte Taras-Schewtschenko-Denkmal im Zentrum von Charkiw.Foto: Oleg Sosnov

12. Juli 2022

Seit Anfang Juni tourt Lesik Omodada mit der Band Love’n’Joy durch Europa, um Geld für seine Stiftung Musicians Defend Ukraine zu sammeln. Von den Gagen und den Spenden, die zusammenkommen, werden Autos, Drohnen und kugelsichere Westen für die Musikerkollegen gekauft, die an der Front sind.

Im Moment genießt die Band zwei freie Tage in Berlin. Heute spielt Mulatu Astatke, der Erfinder der Ethiojazz, die Jungs gehen hin, ich schließe mich an.

„Düster. Ganz wenig los auf den Straßen, kaum Menschen da.“

In der U6 lese ich Nachrichten von meinem Kiewer Freund Oleg Sosnov. Ich kenne ihn seit Jahren, er ist Kurator, arbeitet fürs Institut Français und spricht perfekt Französisch. Heute fährt er mit französischen Journalisten nach Charkiw und verspricht mir, davon zu berichten.

Schon vor dem Hof, wo das Konzert stattfindet, ist es rappelvoll. Nach zwei Corona-Jahren solche Menschenmengen zu sehen, ist ungewöhnlich. Ich grüße einige Bekannte, Lesik ist aber nicht zu sehen. Ich schaue mir den Auflauf nochmal an und kann mir schwer vorstellen, mich zur Bühne durchzudrängeln.

Irgendwie bin ich doch in der falschen Laune – ich kehre um und fahre nach Hause, schreibe Oleg, frage wie es ihm geht. In Charkiw ist es 22 Uhr, bei uns eine Stunde früher. Am Rosenthaler Platz steige ich in die M1 um, als Oleg anruft.

Er ist in seinem Hotelzimmer. „Die Stimmung hier ist ganz anders als in Kiew“, sagt er. „Düster. Ganz wenig los auf den Straßen, kaum Menschen da.“ Oleg schickt mir ein Foto vom Verwaltungsgebäude, das im März durch einen Raketenangriff stark beschädigt wurde, eine offene Wunde im Herzen meiner Heimatstadt.

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Ob ich helfen kann, frage ich, was genau möchten die Franzosen sehen, wen würden sie gern treffen? Ich erzähle von Maxim Rozenfeld, dem legendären Stadtführer, man darf sich keine Gelegenheit entgehen lassen, ihn kennen zu lernen!

Zionskirchplatz. Oleg sagt etwas Undeutliches – ich vermute, er redet mit seinen Kollegen, und fahre einfach fort mit meiner Ode an Maxim, aber er unterbricht mich. „Shit, es ist schon die zweite! Entschuldige, es war gerade eben die zweite Explosion, es fühlt sich ziemlich nah an, ist verdammt laut“, seine Stimme klingt angespannt. Er redet schneller.

Aus dem Tramfenster ist der Weinbergspark zu sehen, Berlin Mitte genießt den milden Sommerabend, eine Gruppe Jugendlicher sitzt auf der Wiese mit einem Kasten Bier. „Gab’s schon die Sirene?“ frage ich, ich bin verwirrt.

Was sagt man jemandem, der gerade die Explosionen zählt? „Habe ich nicht gehört, keine Ahnung, wie das hier mit dem Luftangriffsalarm funktioniert, ich schaue gleich bei Telegram nach. ,Scheißcharkiw’, kennst du den Kanal? Ach so, nicht die zweite, das war sogar schon die vierte“, stellt Oleg fest.

Schwedter Straße. Vor der Eisdiele steht eine eine kleine Schlange. Schräg gegenüber sitzen zwei Jungs mit einem überdimensionierten Lautsprecher, der so laut ist, dass die Musik bei uns in der Straßenbahn zu hören ist. „California knows how to party!“, singen 2Pac und Dr. Dre. Ja, den Kanal „Scheißcharkiw“ habe ich auch abonniert, antworte ich Oleg. Da es dort ganz oft um das Gleiche geht, nämlich um den Beschuss der Stadt, bemühen sich die Admins um Abwechslung durch die Verwendung von Synonymen und Metaphern. „21.05. Der verfickte Dostojewski ist zu uns geflogen. Tolstoi ist dran. Danke dafür, ruSSischer Bruder! Ab in den Keller, sofort!“ Jetzt hört Oleg die Sirene in seinem Hotelzimmer. Er zieht sich an und geht in den Schutzbunker.

U-Bhf Eberswalder Straße. Bevor die Tram die nächste Haltestelle erreicht, vor der fünften Explosion in Charkiw, erzählt mir Oleg von den Menschen, die in den U-Bahn-Stationen leben. Oft haben sie kein Zuhause mehr, weil ihre Häuser zerbombt sind. Manche haben Angst, rauszukommen, auch wenn man für sie eine Bleibe im Wohnheim organisiert.

U-Bhf Schönhauser Allee. Ich steige aus, Oleg geht runter in den Schutzbunker, die Verbindung bricht ab. Ein Straßenmusiker unter den U-Bahn-Gleisen singt „Imagine“ von John Lennon. Ich kann den Song nicht mehr hören.

Lesen Sie hier weitere Teile des Tagebuches:

  • Ukrainer in Rudolstadt (Teil 48)
  • Bandera und ich (Teil 47)
  • Meine Enttäuschung über das Fusion Festival (Teil 46)
  • Der Freund meines Freundes (Teil 45)
  • Schule Nummer 17 ist komplett zerstört (Teil 44)
  • Der Schrei steckt zwischen den Zeilen (Teil 43)
  • Unbekannte wirken wie Verwandte (Teil 42)
  • Ist mein Plattenbau zerstört? (Teil 41)
  • Russenkitsch findet man nicht nur auf dem Flohmarkt (Teil 40)
  • Isjum gibt es jetzt doppelt (Teil 39)

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Eine Quelle: www.tagesspiegel.de

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